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Gedanken über Gott und die Welt

Suchet der Stadt bestes…

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Suchet der Stadt bestes…

Warum man seine Wut herausschreien darf, ihr aber nicht freien Lauf lassen sollte.

Predigt am 21.10.2018
in der ev. Kirche zu Bad Münstereifel
(21. Sonntag nach Trinitatis)

Liebe Gemeinde,
Der Wochenpruch fasst einen der Aspekte zum heutigen Sonntag sehr gut zusammen:

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12,21)

Der Psalm erinnerte an das Gesetz, an die Weisung des Herrn.

Die Evangelienlesung aus der Bergpredigt leitet an, Kreisläufe der Gewalt zu durchbrechen und trotz eigener Stärke auf den anderen zuzugehen und trotz eigener körperlicher Schwäche innerlich stark zu bleiben und nicht dem Hass zu verfallen.

Beim Predigttext gehen wir weit in das Alte Testament zurück. Wir kennen so viel aus dem Neuen Testament und die vielen Geschichten aus dem Alten Testament: von der Schöpfung und Adam und Eva, Abraham, Isaak und Jakob, Mose und Josua, David und Goliath, König Salomo, aber dann wird es schwierig.
„Babylonische Gefangenschaft“ ist ein ganz wichtiger Begriff, aber er ist irgendwie so unkonkret. Dabei sind da ganz wichtige Dinge entschieden worden. Das kleine Israel ist förmlich eingeklemmt zwischen den großen Reichen der Assyrer, der Babylonier und Ägypten. In der Zeit des Jesaja wird das Nordreich Israel durch die Assyrer aufgelöst, die ganze Bevölkerung wird deportiert und so zwischen den anderen Völkern verteilt, dass sich ihre Spur völlig verliert. Nur der Name Israel bleibt für das Land dort bis heute erhalten.
Aber die Macht der Assyrer schwindet, die Babylonier werden stark. Sie gehen anders vor: Sie zerstören die befestigte Hauptstadt des Südreiches Juda: Die Mauern von Jerusalem mit ihrem Tempel werden geschleift. Die Babylonier deportieren nur die Oberschicht und siedeln sie in Babylon an. Soweit ich weiß, müssen sie dort keine schwere Sklavenarbeit verrichten. Aber es findet eine ganz spannende theologisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung statt, der wir zum Beispiel den schönen Text mit der Sieben-Tage-Schöpfung verdanken, in dem Sonne und Mond keine Götter am Himmel mehr sind, sondern sozusagen nur Lampen, und nicht nur der König Gottes Ebenbild ist, sondern jeder Mensch, Mann und Frau, Du und ich.

Das werden wir gleich noch einmal wieder finden.

Wenn man mit Gewalt und Zwang deportiert wird, kann man ganz unterschiedlich reagieren. Das wird im Psalm 137 deutlich:

An den Wasser von Babylon saßen wir und weinten. Die sagten zwar: Singt doch eure schönen Lieder aus Jerusalem, aber wie können wir singen, wenn unser Land verwüstet und Jerusalem zerstört ist?!

Die Juden sind super sauer, viele sinnen auf Rache.

„Wohl dem, der Dir das vergilt, was Du uns angetan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!“

Das ist so ungefähr die heftigste Stelle in der Bibel, die ich kenne.
Da schreit jemand seine ganze Wut heraus. Mein Professor für altes Testament sagte dazu, in der Bibel dürfen wir zu unseren Gefühlen stehen. Wir dürfen auch unsere Wut herausschreien. Wir dürfen klagen, wir dürfen auch Gott gegenüber klagen. Was ja nicht unbedingt heißt, diesen Wutschrei auch umzusetzen.

Ich kann mich an eine Situation aus der Notfallseelsorge erinnern. Die beiden Polizisten hatten den Eltern gerade erzählt, dass der 17jährige Sohn nicht mehr lebt, weil ein Autofahrer ihn übersehen und überfahren hatte. Ich werde nie vergessen, wie der Vater die Mülltonnen vor dem Haus durch die Gegend trat und drohte, den Täter umzubringen, wenn er ihn in die Finger bekam. Wir konnten ihn so gut verstehen, und wir haben alle weg gehört. Das KID-Team, die Polizisten. Wir haben nicht mal im Ansatz versucht, ihm das in diesem Moment auszureden. Es war viel zu klar, dass es eine Reaktion auf den unerträglichen Schwerz war, in dieser Situation durfte er das brüllen. Und es war auch klar, dass er das niemals tun würde, wenn der Schmerz ein wenig nachgelassen hätte.

Aber es macht deutlich: Babylonische Gefangenschaft, das war keine Ausflugsfahrt, selbst wenn man keine Sklavenarbeit verrichten musste.

Da konnte einen die Wut packen.

Ich finde das ganz wichtig, wenn wir auf die Gegenwart schauen.
Auch heute gibt es Wutbürger. Und ich höre Parolen, die mich genauso entsetzen, wie die Parole aus Psalm 137,9 mit den Kindern, die am Felsen zerschmettert werden sollen.
Wo kann man heutzutage seine Wut artikulieren?
Wo wird das zugelassen?

… Es ist so schwer, die Wut anderer auszuhalten und stehen zu lassen.

Und wenn wir heute in die politische Landschaft schauen, dann leidet so mancher darunter, dass er plötzlich als „Nazi“ tituliert wird, und außer bei der AfD nicht mehr weiß, wohin er noch mit seiner Wut soll.

Irgendetwas läuft schief, man ist sauer, aber wenn man das zum Ausdruck bringt, wird man auch schief angesehen.

Das immerhin können wir an manchen Stellen von der Bibel lernen: Auch die Wut braucht ihre Ventile. Man kann nicht immer politisch korrekt sein. Wut braucht ihre Ausdrucksformen. Sonst bricht sie sich auf andere Weise Bahn, und dann wird alles nur schlimmer.
Was umgekehrt allerdings auch bedeutet: Auch die Wut gegenüber „Rechts“ braucht ihre Ausdrucksformen. Wir merken: Die Sache ist komplex. Und schlimm.

Und es war schlimm damals in Babylon. Und sie haben ihre Wut hinaus geschrien. Und dieser schlimme Vers ist uns in Psalm 137 überliefert.

Aber Wut hinaus schreien ist auch nur die eine Seite.

Es muss ja irgendwie weiter gehen. Wenn man aus seiner Wut nicht mehr heraus findet, kann so viel kaputt gehen. …

Im Blick auf die Deportierten in Babylon finden wir die andere Seite in unserem Predigttext wieder. Jeremia weiß, wie es um das Seelenleben seines Volkes steht.
Er hatte vor Babylon und großem Unheil gewarnt, und man wollte diese Unheilsprophetie nicht hören und trachtete ihm nach dem Leben. Und dann war es doch so gekommen. Und in die Wut der Deportierten und in ihre Enttäuschung hinein schreibt Jeremia einen Brief.

(Jeremia 29,1.4-7.10-14)

Jeremias Brief an die Weggeführten in Babel

1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte:

4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:

5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;

6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.

7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.

10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.

11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Liebe Gemeinde,

siebzig Jahre, das ist eine Ewigkeit.

Das sind gut und gerne zwei bis drei Generationen!
Die es hören, werden es wohl selbst nicht mehr erleben!
Wenn überhaupt, dann werden es die Enkel sein, die nach Jerusalem zurück können.

Was für eine Durststrecke wird man überwinden müssen!

Was wären die Folgen, wenn man seiner Wut freien Lauf ließe? Wenn man seine Wut in den Flüchtlingslagern kultivierte und seine Kinder zu Untergrundkämpfern ausbildete, die die feindliche Besatzungsmacht ständig mit feinen Nadelstichen und Anschlägen ärgerte?
Auch das können wir in der Gegenwart verfolgen. Was hat die Hamas in den besetzten Gebieten erreicht? Im Grunde gar nichts. Die Hoffnungslosigkeit ist immer größer geworden.
Was hat die IRA in England erreicht? Was der Terror in Spanien?
Umgekehrt muss ich an unsere deutschen Heimatvertriebenen denken, ich bin selbst ein Kind von Vertriebenen aus Ostpreußen und Schlesien. Die erste große Äußerung nach dem zweiten Weltkrieg war der sogenannte „Gewaltverzicht“! Keine Grenze in Europa sollte jemals mehr mit Waffengewalt verändert werden! Egal, wie man über den späteren Revanchismus aus Teilen der Vertriebenen denken mag: Diese Entscheidung für Europa und Völkerverständigung hat für uns unendlich viel gebracht. Wohlstand und Entwicklung. Man hat sich eingebracht und integriert, auch wenn es nicht immer einfach war.

Wenn die Menschen auf der Welt doch nur auf Jeremia hören würden!

Suchet der Stadt bestes!
Ja, Ihr seid wütend. Zu Recht. Aber was nutzt es?

Was habt Ihr davon, wenn ihr die Wut nicht nur heraus schreit, sondern wenn ihr weitere Verletzungen zufügt? Was für Gewaltkreisläufe wären in Gang!

Macht es anders. Werdet keine Terroristen, sondern werdet Bürger. Richtet Euch ein. Auch wenn Ihr nicht ewig da bleiben werdet. Eure Enkel werden zurück kehren können. Bekommt Enkel! Baut Euch Häuser, damit ihr Kinder bekommen könnt. Und vergesst Eure Kultur nicht! Suchet der Stadt bestes, aber bleibt dabei Juden und werdet keine Babylonier!
Aber ihr werdet es erleben: Nicht nur die Babylonier werden davon einen Nutzen haben, sondern vor auch ihr selber!

Und vergesst nicht: Ich bin und bleibe Euer Gott.

Ich höre nicht auf, Euer Gott zu sein, nur weil Ihr in die Verbannung geführt wurdet.

Ich bin nicht nur euer Gott, wenn es euch gut geht, wenn ihr Erfolg habt, ich bleibe auch in Misserfolgen Euer Gott.
Nicht der babylonische König hat Euch hierher geführt, ich war es.

Was für eine Zumutung ist dieser Vers 4:
„4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:“

„Ich habe Euch wegführen lassen.“

Man könnte auch sagen:

Wenn Ihr wütend sein wollt, dann nicht gegenüber den Babyloniern, sondern mit gegenüber.
Wobei Ihr mir ja auch nicht gerade vertraut habt. Aber das ist noch eine andere Geschichte.

Aber egal: Jetzt tut der Stadt etwas Gutes. Und es wird Euch gut tun, und ich – Gott – werde mit euch sein.

Liebe Gemeinde, wie geht es Ihnen, wenn Sie so etwas hören? Was haben wir damit zu tun? Wir sind nicht in der Verbannung, uns geht es verhältnismäßig gut. Wir haben ein relativ gutes Sozialsystem – was kann uns dieser Text sagen?

Wäre er nicht viel mehr etwas z.B. für unsere Flüchtlinge? Sollte man denen diese Verse im Deutschunterricht nahelegen?

„Integriert Euch! Setzt Euch ein für Deutschland, und dann wird es euch besser gehen.“

Ja genau, könnte man sagen, predige das nicht uns, sondern geht in die Sammelunterbringungen, und predige das denen. Wir haben das nicht nötig. Aber die könnten das gut gebrauchen!

Ich glaube, das wäre zu einfach.

Unsere Situation ist tatsächlich eine andere.

Aber was wäre, wenn wir die Situation etwa der Flüchtlinge, die hier zu uns gekommen sind, einmal aus der Sichtweise des Predigtextes lesen würden?

Dass sie vielleicht von Gott hierher geführt wurden?

Dass dieser ihnen eine ähnliche Verheißung gemacht hat:

70 Jahre müsst Ihr aushalten, dann könnt Ihr zurück. Vorher nicht. Und wir versuchen, sie zu schnell wieder abzuschieben?

Was wenn diese es so hören:

Bekommt Kindern und heiratet vor allem untereinander, damit ihr eure Identität nicht verliert. Können wir es zulassen, dass Gott anderen diesen Rat gibt, und dass sie sich trotzdem in unserem Land einbringen und uns helfen, so wie wir ihnen auch helfen können wollen?

Wahrscheinlich auch in dieser Babylonischen Gefangenschaft ist der erste Schöpfungsbericht entstanden. Jeder Mensch ein Ebenbild Gottes. Nicht: Jeder Christ. Oder: Jeder Jude.
Sondern: Jeder Mensch.
Mit seinen kulturellen und religiösen Eigenheiten.

Mit seinen Lieblingsspeisen und seiner Lieblingsmusik.

Mit seiner Religion.

Aber alles Menschen.

Wie schön wäre es, wenn alle diese Menschen „der Stadt Bestes“ suchten.

Wenn sie sich aufeinander einließen, wenn sie es sich so schön wie möglich machten, trotz der Vergangenheit. Trotz der Niederlagen, trotz der Wut!

Wem nutzt es eigentlich, wenn heute so viele Demonstrationen „gegen Rechts“ stattfinden?

Treibt das nicht nur Menschen auseinander? Baut es nicht nur neue Gräben?

Aber es gibt sie auch, jene Demos, im Sinne das „Suchet der Stadt bestes!“
Letztes Wochenende die Demonstration unter dem Titel „unteilbar“. Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. Auch wenn wir einem Flüchtling in die Augen schauen, können wir Gott erblicken.
Achtung, Zumutung: Auch wenn wir einem AfDler in die Augen blicken, können wir Gott erblicken.

Achtet nicht auf das Trennende.

Aber macht das Gemeinsame stark!

Suchet der Stadt bestes!

Auch die Flüchtlingskrise wird mal ein Ende haben.

Bis dahin: Seid gemeinsam Mensch. Setzt Euch dafür ein, dass Ihr gemeinsam Mensch bleiben könnt.

7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.

11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

Beten wir, dass es nicht nur Gedanken Gottes sind, sondern dass auch wir so denken: Gedanken des Friedens und der Zukunft und der Hoffnung.

Dafür wollen wir uns einsetzen.
Für ein gutes Miteinnander.
Für Gastfreundschaft.
Weil Gott unsere Zukunft und unsere Hoffnung ist.

Amen.

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