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Gedanken über Gott und die Welt

Alles hat seine Zeit

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Alles hat seine Zeit

Ansprache am 01.11.2018 (Allerheiligen) und am 4.11.2018
im Friedwald zu Bad Münstereifel

Vor der Ansprache wurden Verse aus dem Buch Kohelet und dem Markus-Evangelium gelesen.

Kohelet 3,1-9+11
Markus 1,15

Alles hat seine Zeit.
Wir haben heute hier Zeit.
Zeit zum Erinnern.
An die Menschen, die hier begraben liegen – und auf ihre Weise vom Himmel aus mitfeiern.
An Clemens Wilken, der hier so viele Beerdigungen gehalten und in den letzten Jahren diese Feier hier geprägt hat und an den sich so viele von Ihnen erinnern – und der am vergangenen Sonntag morgen gestorben ist und nun vom Himmel aus mit uns mitfeiert.

Alles hat seine Zeit. Und wenn wir von denen getrennt sind, an die wir uns erinnern, dann tut das immer auch ein wenig weh.

Und wenn uns der Tod von ihnen getrennt hat, dann tut das mehr weh. Und wenn der Tod noch nicht lange zurück liegt, dann tut es besonders weh.
Dann ist die Zeit, dass es weh tut.
Und das ist gut so. Wäre es nicht schlimm, wenn wir die Lieben vergessen würden, die uns so viel bedeutet haben? Wäre es nicht schlimm, wenn es nicht mehr weh tun würde?
Trauer ist Liebe, und das, was da so weh tut, ist das Zeichen dieser Liebe. Eine Liebe, die den Tod überdauert.

Alles hat seine Zeit. Auch die Trauer und der Schmerz haben ihre Zeit. Aber eben auch nur ihre Zeit.

Denn wir bestehen nicht nur aus Trauer.

Vielleicht sind wir älter und haben Kinder und Enkel und sogar Urenkel. Auch die haben unsere Zeit verdient. Und wir haben die Zeit mit ihnen verdient.

Alles hat seine Zeit. Auch die Trauer. Aber eben auch die Begegnung mit Menschen, die uns heute wichtig sind. Unsere3 Hobbies brauchen ihre Zeit. Und wenn wir vor lauter Pflege eines lieben Angehörigen gar keine Zeit mehr für ein Hobby hatten, dann wird es höchste Zeit, dass wir eines suchen.
Alles hat seine Zeit!

Lachen, tanzen, spazieren gehen. Ein schöner Film im Kino. Ein Besuch in einem Restaurant. Mit wem wollte man das schon immer einmal machen, ist aber nicht dazu gekommen? Wohin wollte man schon immer einmal fahren, und es hat sich nicht ergeben?

Alles hat seine Zeit. Aber haben wir diesem „allem“ genügend Zeit gelassen?

Manches passiert einfach, und wir haben keine Chance, uns dagegen zu wehren. Manchmal war der Tod so etwas, eine schwere Krankheit und wir konnten uns dem nicht entziehen.

Aber an anderer Stelle haben wir die Chance, da könnten wir etwas tun, was uns gut tut.
Da könnten wir uns über die Natur freuen, selbst wenn sie gerade so kalt ist.
Da könnten wir spazieren gehen und deswegen bei der Nachbarin oder dem Nachbarn klingeln und uns auf den Weg machen. Alles hat seine Zeit, und gerade den Dingen, die uns gut tun, sollten wir Zeit geben.

Wir haben die Lesung aus dem Buch des Predigers durch einen Vers aus dem Anfang des Markus-Evangeliums ergänzt.

Jesus sagte: »Der Augenblick ist gekommen, die Zeit erfüllt. Die *Gottesherrschaft ist nahe gekommen! Kehrt zum Leben um und *vertraut dem Evangelium!«

Das ist eine ungeheuere Zusage.

Warte nicht in Trauer, bis der Himmel kommt.

Werdet wach, denn jetzt gerade kommt der Himmel zu Dir. Das Leben kommt zu Dir. Dein Angehöriger ist tot. Deine Ehemann oder Deine Ehefrau. Dein Großvater oder die Tante. Oder auch Dein Kind. Aber Du lebst!
Du lebst jetzt! Mauer Dich nicht ein in die Trauer.

Hör auf den, um den Du trauerst, wie er Dir sagt: „Ich bin tot, aber Du lebst. Darum lebe! Meine Erlaubnis hast Du!
Nicht nur meine Erlaubnis, sondern meine Bitte!

Lass den Himmel, lass das Leben zu Dir kommen.

Es ist schön, wenn ich sehe, dass Du um mich trauerst. Du wirst damit auch nicht aufhören. Aber noch schöner ist es, wenn ich sehe, wie es Dir gut geht! Wie Du lebst! Wie Du Dich freust! Wie Du der frohen Botschaft glaubst, dass es mir gut geht und dass es auch Dir gut gehen darf.“

Vielleicht sind Sie kein religiöser Mensch. Vielleicht denken Sie, dass mit dem Tod alles aus ist. Auch das kann eine sehr realistische Sicht sein. Aber gerade dieser Realismus sagt: Lebe! Denn die Zeit zum Leben ist kurz. Lebe und genieße das Leben.
Und wenn Sie ein religiöser Mensch sind und von der Ewigkeit etwas erwarten, dann erwarten Sie bitte auch, wie das Leben jetzt wieder zu Ihnen kommt.
Dass Gott das Leben schenkt.
Das jetzt der Augenblick zum Leben ist!

Was ist Leben?
Von den vielen Blättern, die hier im Friedwald schon zu Boden gefallen sind, gleicht kein Blatt dem anderen. Ganz vieles ist voneinander abhängig und aufeinander angewiesen. Und ganz kleine Änderungen können dem Leben eine ganz andere Wendung geben. Leben heißt: Offen sein für diese neuen Wendungen. Leben heißt, neugierig sein auf das Unerwartete.
Wenn Sie religiös sind: Neugierig sein, was Gott Ihnen schenkt.
Und wenn Sie nicht religiös sind: Neugierig sein auf das, was der Zufall oder eben das Leben bringt.
Die Zeit ist erfüllt! Wenn man so will: Sie läuft über! Jetzt!
Und wir dürfen uns aus unserer Trauer heraus aufmachen ins Leben.

Ein Leben, zu dem immer unsere Trauer gehören wird. Aber ein Leben, das nicht nur aus Trauer besteht.

Alles hat seine Zeit. Unsere Erinnerung an unsere Toten. Und die Neugierde auf das, was der neue Tag bringen wird. Wenn Sie gleich vielleicht irgendwo essen gehen. Essen Sie nicht das, was Sie immer gegessen haben. Probieren sie einmal etwas aus, was Sie sich noch nie getraut haben. Das ist Leben. Jetzt ist die Zeit dafür. Warum denn nicht nicht? Vielleicht brauchen Sie aber auch gerade heute die Sicherheit, um ins Leben zurück zu kehren. Und Sie essen das, worauf Sie schon immer so viel Lust hatten. Auch das ist möglich.
Die Zeit ist erfüllt, sie ruft uns, und sie ruft uns, dass wir leben. Dass wir vielleicht auch ausprobieren, auf unsere Gefühle hören, auf alle unsere Gefühle, welche herauswollen.

Und dass wir uns entscheiden, auf welche wir gerade jetzt besonders hören wollen. Und wenn wir das getan haben, können wir uns neu entscheiden und fragen, welches andere Gefühl wir vielleicht vernachlässigt haben. Wut, Liebe, Hass, Zuneigung… Es sind unsere Gefühle, und wir dürfen sie leben.

Welche Menschen schaden uns, und wir wollen endlich auf Abstand gehen? Und welche Menschen tun uns gut, und wir sollten gleich zum Telefonhörer greifen und nach langem Abstand mal wieder „Hallo“ sagen?

Wir sind lebende Menschen.
Wer lebt, ist in Bewegung. Jede und jeder in seinem eigenen Tempo. Und doch mit der Frage: Wo müsste ich ein kleines wenig schneller werden, damit ich den Anschluss nicht verliere oder wieder bekomme?
Oder wo müsste ich ein wenig langsamer werden, damit ich einen anderen nicht weglaufe?
Wo könnte ich einmal eine andere Richtung ausprobieren?

Alles hat seine Zeit – kehrt um zum Leben – das Leben wartet auf Euch.
Und die guten Mächte warten auf uns, die uns umgeben, die uns behüten und trösten. Und wir gehen in ein neues Jahr.

Gott segne uns! Amen.

Ein Kommentar

  1. Lieber Herr Kehren,
    ich komme jetzt bereits das 11. Jahr zur Gedenkfeier in den Friedwald nach Iversheim und jedes Mal nehme ich etwas Trostvolles mit, sei es aus den wunderschön gestalteten ökumenischen Predigten und Impulstexten oder/und den anschließenden Gesprächen – bisher meist mit unserem Clemens, den wir 2008 im Cafe in Bad Münstereifel näher kennen lernen durften. Seinen Tod bedauern wir sehr und er wird immer einen Platz in meinem und dem Herzen meiner Familie haben. Sein Licht leuchtet bei uns am Bodensee in liebevoller Verbundenheit weiter…

    Dieses Jahr war der Gedenkgottesdienst anders – … anders wertvoll und auch wieder sehr berührend! Dafür mag ich Ihnen auch im Namen meiner Familie ein ganz dickes Dankeschön sagen, denn Ihre Predigt ging an allen meinen Familienmitgliedern nicht spurlos vorbei … sie luden zum weiteren Nachsinnen ein. Was mich persönlich ganz besonders freute, dass auch meine Schwester von Ihrer Predigt so angetan war, dass sie mich bat – ihr diese doch zu besorgen. Wahrlich ein Leichtes 😉 Ich konnte sie durch Ihre Veröffentlichung bereits nach Köln übermitteln und beim Nachlesen Ihrer Worte – kann ich aus eigener Erfahrung immer wieder bekräftigen, wie wichtig es ist, dass benannt wird, dass Trauer schmerzlich ist und wir sie klagend vor Gott bringen dürfen. Dass auch wir Christen die Brutalität des Todes, wenn er mitten in unser Leben fällt (der Unfalltod meines Sohnes) extrem spüren; dass wir das nicht beschönigen dürfen – doch den Trost und die hoffnungsgewisse Zusage verspüren, dass für uns alle der Tod nicht das letzte Wort hat. Alles hat eben seine Zeit. Ein Leben zu dem immer unsere Trauer gehören wird – dennoch ein Leben, das nicht nur aus Trauer besteht. Sie haben mit Ihren lebendigen und so aussagekräftigen Worten einen großen Schritt in der Trauerarbeit – bei so manch einem 😉 beigetragen. Vielen, vielen Dank!!!! Sie sind reichlich gesegnet, dafür bin ich und meine Familie sehr sehr dankbar. Ihnen alles Liebe & Gute und schön, wenn wir uns bald wieder begegnen …das Leben wartet …

    Ihre Christiane aus Meersburg am Bodensee

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