Frieden schaffen ohne Waffen

Hat er ausgedient, der alte Slogan: „Frieden schaffen ohne Waffen!“?

Man hört es oft.

Ich finde den Slogan immer noch wichtig und richtig.

Hat der alte Slogan ausgedient?

Hat er ausgedient, der alte Slogan: „Frieden schaffen ohne Waffen!“?

Man hört es oft.

Ich finde den Slogan immer noch wichtig und richtig.

1. Außer in den USA käme wohl niemand auf die Idee, Kinder bewaffnet zur Schule zu schicken, damit sie dort sicherer und friedvoller lernen könnten.

2. Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem Deeskalation zur polizeilichen wie militärischen Strategie gehört.

3. Damit wird deutlich, dass es wohl ohne Waffen nicht geht. Dass Frieden durch polizeiliche und militärische Macht abgesichert sein muss. Leider. Wir leben nicht im Paradies.

4. Aber ich würde heute alle unterstützen, die mit diesem Slogan in Russland oder Weißrussland auf die Straße gehen. Die mit diesem Slogan deutlich machen wollen, dass es 2022 keine gute Idee ist, ein Nachbarland zu überfallen und seine zivilen Einrichtungen wie Krankenhäuser und Theater und seine Kulturgüter in Schutt und Asche zu legen, um eine großrussische Utopie und gegenseitige russische „Verbundenheit“ auszudrücken.

5. Die immer stärkeren Sanktionen gegenüber Russland und russischen Oligarchen sind ebenfalls Ausdruck des alten Slogans und von der Hoffnung getragen, Menschen in Russland dazu zu bringen, mäßigend auf ihren Präsidenten einzuwirken und auf seinen Rückzug zu drängen.

6. Kein Slogan hat allgemeine Gültigkeit.

Schon gar nicht einer, der lauten könnte: „Frieden schaffen nur mit Waffen!“

7. Aber die tiefe Wahrheit in jener anderen Formulierung liegt in der Erkenntnis: Frieden werden werden wir erst haben, wenn jene Waffen schweigen.

Wenn wieder Menschen unbewaffnet an Gräbern und Kriegsgräbern stehen, betroffen, dass ein solcher Angriff 2022 möglich war, wie viele Gräber er hinterlassen hat, wie viel Schaden, wie viel Traumatisierung und PTBS.

Wenn Menschen gemeinsam die Zerstörung aufräumen und neue Lebenswelten schaffen.

Das wird nur ohne Waffen gehen.

Bagger statt Panzer. Flugscharen statt Schwerter.
Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten statt Kasernen.

8. Wie gesagt: Ganz ohne Waffen wird es nie gehen.

Aber eben auch nicht ohne jene Utopie.

Wer die nicht träumt, wird es auch mit schwersten Waffen nicht schaffen.

Frieden schaffen ohne Waffen. Deswegen habe ich verweigert. Martin Luther King gelesen, Zivildienst geleistet.

Es braucht Menschen wie Benjamin Isaak-Krauß , die das studieren und davon predigen und publizieren und damit nicht ohne Erfolg arbeiten.

Aber auch er ist immer wieder darauf angewiesen, dass solche Bemühungen gut ausgerüstet abgesichert werden. Da sind wir beide möglicherweise unterschiedlicher Meinung.

9. Ich habe hohen Respekt vor beiden: Vor Menschen, die ihr Leben unbewaffnet riskieren, um Frieden wieder möglich zu machen, als auch vor (Bundeswehr-) SoldatInnen, die ihre Leben einsetzen, um kämpfend Frieden möglich zu machen. (Zum Glück hält sich die NATO militärisch zurück. Zum Glück müssen „meine“ Soldaten noch nicht aktiv kämpfen.) Im Häuserkampf wird der erste einer kämpfenden Einheit zu 95 % nicht lebend zurückkehren, habe ich gelernt. Das ist diesen Soldaten und ihren Vorgesetzten sehr bewusst. Und sie lassen sich darauf ein, weil ihnen Menschenrechte und Demokratie und Freiheit so wichtig sind. Wird und wurde ihnen dafür der nötige Respekt entgegen gebracht? Mit dem Slogan „Soldaten sind Mörder“ wohl eher nicht.

10. Frieden werden wir aber wohl nur gemeinsam erreichen können.

Ohne Pazifisten und ohne dass Bewusstsein für die gute Utopie des Friedens ohne Waffen werden wir uns dem Aggressor so ähnlich machen, dass es für niemanden auf der Welt gut ist.

„Frieden schaffen ohne Waffen!“

Was können wir den Diktatoren in dieser Welt bieten, dass sie sich auf eine Weltordnung einlassen, in der Menschen in Frieden und Freiheit leben können?

Bieten wir da genug? Haben wir schon genug probiert, was an zivilen Mitteln möglich ist? Haben wir es wirklich – wo doch unser Lebensstil maßgeblich anderen Menschen in der Welt den Lebensraum nimmt?

Der Slogan bleibt ein Stachel in unseren Gedanken. Ein Ansporn für Phantasie und guten Willen, solch eine schreckliche „Spezialoperation“, solch eine zerstörerische Aktion unmöglich zu machen und politische Systeme rechtzeitig so zu transformieren, dass es nie wieder einen solchen Angriff geben kann.

Nie wieder?

Auch so ein Traum, von dem wir nie ablassen dürfen. Auch wenn es dazu nötig ist, wehrhaft zu bleiben.

Zum Freispruch von Olaf Latzel

Wichtiger als der Glaube ist die Liebe!

Wichtiger als der Glaube ist die Liebe

Heute werde ich anlässlich der Hochzeit zweier mir sehr wichtiger Menschen in der Kirche 1. Kor 13 lesen.
Die Verse gipfeln in der Behauptung, wie wichtig Glaube, Hoffnung und Liebe seien.

Olaf Latzel sollte nach seinem Freispruch eines wissen: Wenn Glaube und Liebe in Konkurrenz geraten, hat die Liebe für Paulus den Vorrang. „Doch die Liebe ist das Größte und Wichtigste unter ihnen.“

Keine Bibelstelle, keine „Schöpfungsordnung“, überhaupt nichts seither rechtfertigt, sich derart abfällig über Menschen zu äußern, die nicht heterosexuell lieben (oder die auch auf eine andere Weise glauben), wie er – Latzel – es getan hat.

Eigentlich gehört 1. Kor 13 gar nicht auf eine Hochzeit. Sondern das Kapitel sollte auf jeder Ordination oder jeder Priester- und Bischofsweihe oder Einführung in ein kirchliches Leitungsamt gelesen werden. Wenn also Menschen zu „Glaubensfuntionären“ berufen werden.

Über den Glauben zu wachen, ist ein wichtiges Amt. Aber nicht der Glaube ist das Wichtigste, sondern die Liebe.

Und dann passt es auch wieder auf die Hochzeit. Und gerade auf diese doch auch glaubensverbindende Hochzeit.
Bernd Kehren

Friedenspolitische Fragen zu einem Appell für zivilen Widerstand

Überlegungen zu einem friedensethischen Beitreag von Ralf Becker, Koordinator der Initiative „Sicherheit neu denken“ der Evangelischen Kirche in Baden, der eindringlich für zivile Widerstandsmethoden wirbt und entschieden der herrschenden Logik militärischer Eskalation widerspricht, erschienen in Zeitzeichen.net

Überlegungen zu einem friedensethischen Beitrag von Ralf Becker, Koordinator der Initiative „Sicherheit neu denken“ der Evangelischen Kirche in Baden, der eindringlich für zivile Widerstandsmethoden wirbt und entschieden der herrschenden Logik militärischer Eskalation widerspricht, erschienen in Zeitzeichen.net Man sollte ihn gelesen haben, um die hier folgenden Fragen und Anmerkungen zu verstehen.

Was Ralf Becker leider nicht erwähnt: Gewaltfreiheit ist nicht nur auf einen gewaltfreien Widerstand angewiesen, sondern auch auf einen Gegner, der bereit ist, sich darauf einzulassen. Mit Putin statt Gorbatschow wären wahrscheinlich auch die friedlichen Proteste in der DDR ganz anders ausgegangen.

Meint jemand ernsthaft, wer sinnlos zivile Ziele angreift, ließe sich durch zivilen Protest stoppen?

Wenn zivile Proteste doppelt so oft wirken wie gewaltsamer Widerstand, wie Becker schreibt, bleibt immer noch ein Drittel der Konflikte, bei denen sie nicht wirken.

Der gewaltfreie Widerstand braucht Gruppen, die ihn gehen. Die genügend vernetzt sind, die konkrete Strategien haben, die darauf vorbereitet haben. Die ihren Widerstand unter den Bedingungen aktueller digitaler Überwachungsmöglichkeiten konspirativ verabreden können. Das braucht Strukturen.

Wo gibt es die?

Wäre Widerstand wie in Prag 1968 heute in der Form so noch möglich? Wir sind mehrere Jahrzehnte weiter und Diktatoren haben ganz andere Überwachungsmöglichkeiten.

Was nutzen uns Befragungen, wie viele Menschen gewaltfreien Widerstand üben würden, wenn ich bisher nicht wahrnehmen konnte, dass dazu bevölkerungsübergreifend Strukturen entwickelt wurden? Wie muss ich mich sinnvoll in einem solchen Fall verhalten?

Martin Luther King hatte seinerzeit im Blick auf Überwindung der Rassentrennung entsprechende Trainings veranstaltet. Wo gibt es Initiativen, wie im Falle eines Falles effektiver gewaltfreier Widerstand wie der gegen Putin aussehen müsste? Wo gibt es Trainings? Wo wird man auf Verhörsituationen vorbereitet? In der nötigen Breite unserer Bevölkerung?

Ja, lasst uns Krieg ächten! – Und wenn das jemand nicht will, wenn er geheimdienstliche Strukturen aufbaut, das Recht verachtet und weltweit eine Fakenews-Kommunikation unterstützt und Menschen dazu bringt, niemandem mehr zu glauben? Wie soll da effektiver Widerstand gelingen, wenn es nicht einmal möglich ist, eine Impfkampagne auf die nötige Impfquote zu bringen?

Was müsste sich da kurzfristig im Blick auf Bildung und Demokratie ändern? Was wäre zu tun?

Müsste da womöglich endlich einmal ein Schulterschluss auch von Bundeswehr und Friedenspolitik geübt werden, damit sich zwei große Partner im Blick auf effektive Strukturen vernetzen und sie nicht als Gegner betrachtet werden?

Wie viele Jahre des „suchet der Stadt bestes“ müsste man ertragen wollen, wie viele Verschwundene in Straflagern und Geheimkellern, bis ziviler Widerstand einen Menschen wie Putin gestoppt hätte?

Und was bedeuten in diesem Zusammenhang Texte wie der des Lobgesangs Mariä, in dem die Hohen erniedrigt werden? Ist Gottes Handeln da immer gewaltfrei zu denken?

Was nutzt uns ein Perspektivwechsel bis 2040, wenn Putin jetzt völkerrechtswidrig ein Land überfällt?

Was nutzt der Hinweis auf die Entspannungspolitik und die entsprechenden EKD-Denkschriften, wenn die atomare Abschreckung nicht mehr funktioniert, die eine Voraussetzung dafür war, und so Putin diesen Angriffskrieg wagen konnte?

Ich habe vor allem Fragen, keine Antworten. Vor allem keine kurzfristigen. Was müsste geschehen, dass Menschen in unserer deutschen Komfortzone zu Helden des gewaltfreien Widerstands werden? Im Sinne des Amtseids der Bundeswehr, Freiheit und Demokratie auch unter Einsatz des Lebens – aber dann gewaltfrei – zu verteidigen? (Gewaltfrei nur gegen Personen oder ist gezielte Sabotage möglich?) Wie müsste eine Gesellschaft strukturiert sein, die ihre Wirtschaft effektiv gegen einen Agressor blockiert, ohne dabei so zusammenzubrechen, dass es zivile Tote durch Unterversorgung gibt?

Viel dezentraler sicherlich! Aber wie noch?

Wie stark – auch wie militärisch stark – muss ein Staat sein, um eine gewaltfreie Auseinandersetzung führen zu können? Und was heißt in diesem Zusammenhang „gewaltfrei“, wenn eine solche Strategie gewaltige Wirkung zeigen soll?

Wie „stark“ muss ein Staat sein, auch strukturell: Kommunikationsstrukturen, Datensicherheit, dezentrale Energieversorgung, Vorratshaltung, Versteckmöglichkeiten, Zusammenhalt, Bunkermöglichkeit, Doppelstrukturen, Reserven (Energie, Wasser, Strom, Grundnahrung, medizinische Versorgung) und Ausfallsicherheit?

Wie viel Leidensfähigkeit und Leidenswillen und Bewusstsein für Freiheit ist bei seinen Bürgerinnen undf Bürgern nötig – und das ohne querdenkerische Unvernunft? Wie viel Vertrauen in demokratische Strukturen? Wie viel Bildung, naturwissenschaftlich und sachlich, um selbständig gegen fakenews und Desinformation gerüstet zu sein?

Ich kann mich noch daran erinnern: An die Angst vor den russischen Panzern bei den großen Demonstrationen in der DDR zum Schluss. Es ist gut ausgegangen. Heute erleben wir: Das war kein Naturgesetz.
Das heißt nicht, dass ich gegen Gewaltfreiheit wäre: Man hat ihn oft belächelt und kleingeredet, den „Gewaltverzicht“ der deutschen Heimatvertriebenen nach dem Ende des 2. Weltkriegs (Was nicht verwunderlich ist angesichts eines lange Zeit leider weit verbreiteten Revanchismus in jenen Kreisen). Aber ohne ihn wäre ich möglicherweise als kleiner und jetzt großer Partisanenkämpfer aufgewachsen.

Jede gewalttätige Auseinandersetzung kann nur dann enden, wenn mindestens eine Partei bereit ist, auf Gewalt zu verzichten, die sie einsetzen könnte. Das setzt ein gutes moralisches Urteilsvermögen voraus. Leider auch beim Gegner. Aber leider auch bei einem selbst. Was zur Frage führt: Hatten wir angesichts der internationalen auch wirtschaftlichen Verflochtenheit genug davon? Wo haben wir uns um unseres Wohlstandes willen auf moralisch zweifelhafte Geschäfte eingelassen, die uns nun auf die Füße fallen? In kirchlichen Kreisen haben wir viel getan und gedacht. Sehr viel. Aber war es genug? Wo waren „wir“ dann doch schlicht Wohlstandsmitläufer? Wo haben wir die Augen verschlossen? Wo dachten wir, bei den Guten zu sein und waren doch trotzdem Teil des Bösen?

Und wo sind „wir“ es jetzt, wenn 2% in Rüstung und Sicherheit gehen sollen? Schreien wir laut genug, dass Deutschland sich schon lange auf 2% für Entwicklungsarbeit verpflichtet hat, dass es dann auch da endlich ein entsprechendes Sondervermögen geben muss und entsprechende dauerhafte Ausgaben im Staatshaushalt?

Noch mal: Viele Fragen. Was nicht heißt, dass man einen solchen Weg nicht gehen kann oder gehen soll, sondern dass er nur gegangen werden kann, wenn man sich um entsprechende Antworten bemüht.

Bernd Kehren

Kabarett-Gott ?!

Mit welcher Vorstellung beginne ich, die Bibel zu lesen: jenes schöne Kapitel, mit den Sonne und Mond und den sieben Tagen?

Mit welcher Vorstellung beginne ich, die Bibel zu lesen: jenes schöne Kapitel, mit den Sonne und Mond und den sieben Tagen?

Die Frage ist halt, welches Bild von Gott wir haben wollen:
Ist er eher der Bio- und Erdkundelehrer, der unbedingt die Naturkunde im ersten Kapitel der Bibel unterbringen wollte?
Oder der Sowilehrer?

Oder kann man sich Gott als Kabarett-Texter denken, der einen genialen Text für eine Aufführung in Babylon geschrieben hat?
Und ich sehe die Juden mit trappelnden Füßen vor mir, wie der Vers mit den beiden großen Lampen am Himmel kommt, und sie denken sich in den Applaus hinein, dass es förmlich laut hallt: „Und du, König von Babylon, der du dich für das Ebenbild von Gott Sonne hältst und Schiss hast vor Gott Mond in der Nacht: Du fürchtest dich nur vor einer kleinen Lampe am Himmel. Und Ebenbild bist du … von einer großen Lampe. Herzlichen Glückwunsc h, Du Ebenbild der großen Lampe….“
Und dann kommt die Stelle mit dem „Gott schuf den Menschen zu seinem Ebenbild, männlich ebenso wie weiblich.“
Und den Zuhörerinnen und Zuhörern läuft es erregt den Rücken rauf und runter: Nicht nur der da oben, nein jeder Mensch soll als Ebenbild Gottes gelten.

Und so wurde der Erdkundelehrergott für mich völlig bedeutungslos.

Aber Jesus später, der mit dem „was ihr dem Geringsten (nicht) getan habt, habt ihr mir (nicht) getan“, der von sich als dem „ben Adam“, dem Menschen sprach und vielleicht doch nicht einen Würdetitel im Blick hatte, sondern Gen 1 , dass doch jeder Mensch Ebenbild Gottes sei, eben Mensch, der brachte das wieder in Erinnerung.
Lebt als Ebenbilder Gottes. Mensch sein und Mensch sein lassen…

Ich mag Gott, der Spaß hat an Literatur, an Kabarett, an Humor, an Gedichten und Liebestexten. Der anleitet, zu seinen Gefühlen zu stehen und zu Hasspsalmen. Weil, wenn man es artikulieren kann, vielleicht doch nicht umsetzt.
Weil der Feind doch auch nur ein Ebenbild Gottes ist…
Und so haben wir eine wunderbare Bibel bekommen.
Und kein Bio- oder Erdkundebuch.

Gottesdienst 29.08.2021 – Zülpich

Abel wird seinem Bruder Kain, dem Erstgeboren, vorgezogen. Was macht das mit Kain, wie reagiert Gott, und warum füllt die Bibel die Lücke des Schweigens?

Ev. Christuskirche Zülpich

Es geht im Kirchenjahr am 13. Sonntag um Nächstenliebe.
In diesem Lesejahr geht es aber insbesondere um den Brudermord von Kain an seinem Bruder Abel.
Warum ist Kain so sauer, wie reagiert Gott, warum füllen manche Übersetzungen eine Lücke des Schweigens mit einer Aufforderung und wie geht die biblische Geschichtsschreibung weiter? Über Kain oder über Abel – und was bedeutet das?
Ein Gottesdienst am 29.08.2021 in der Christuskirche zu Zülpich mit Militärpfarrer Bernd Kehren

Offen reden über Assistierten Suizid

Solange Kirche und/oder Gesellschaft das Reden über assistierten Suizid tabuisiert, werden Menschen diesen Weg in größerer Einsamkeit eher alleine gehen. Nur das offene und ergebnisoffene Gespräch wird die Möglichkeit haben, auch lebensförderne Aspekte mit ins Gespräch zu bringen. Gerade auch im Kontext der wichtigen palliativen Betreuung.

Aus Anlass einer offenen Stellungnahme einer Kollegin

Diese Stellungnahme findet man unter https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2021/51517/kann-man-sterbehilfe-rechtlich-regeln und ich freue mich über die Offenheit, mit der Sie diese Fragen anspricht und über die Offenheit, die Sie fordert.

Ich würde mir wünschen, dass Kirche und die „Offiziellen“ der Palliativszene offen und ehrlich über den „Graubereich“ aus jenem Beitrag hinter diesem Link oben reden, den es in der palliativen Betreuung gibt und den es dort geben muss. Und dass es dann in diesem Kontext diesen Graubereich auch in christlichen Alten- und Pflegeheimen geben darf.

Und dann brauchen wir eine offensive Diskussion darüber, dass lebenswertes Leben nicht nur auf der Überholspur des Lebens lebenswert ist, sondern auch (wer stellt das infrage), wenn doch jeder Mensch schwer pflegebedürftig auf die Welt kommt und (das stellen viele infrage) viele zuletzt auch wieder pflegebedürftig werden und auf mehr oder weniger Hilfe angewiesen sind.
Mal ganz ehrlich: Auch auf der „Überholspur des Lebens“ sind wird auf andere angewiesen. Nur weil deren Hilfe anonym an der Kasse bezahlt werden kann, heißt es doch nicht, dass wir davon unabhängig sind. Nur weil wir uns großzügig aussuchen können (je nach Einkommen), was wir in den Einkaufswagen legen.
Was bilden wir uns auf unsere vermeintliche Autonomie alles ein und merken gar nicht mehr, wie sehr wir abhängig von anderen Menschen sind – und wie sehr wir denen durch unseren Lebensstil auch schaden.
Wenn wir nicht schnell genug sind: kaufen wir ein Auto mit viel PS.
Dass auch ein Rollator uns helfen kann, Autonomie zu behalten oder ein Pflegedienst oder ein Seniorenheim oder ein Hospiz: Wer spricht darüber? Wer sieht das halbvolle Glas mal von dieser Seite?

Ich war lange Zeit Altenheimseelsorger und habe dort viele dankbare und glückliche Menschen erlebt.
Aber auch Unglückliche erlebt, die über ihren Todeswunsch nicht sprechen konnten – und dann auf eine Weise aus dem Leben geschieden sind, die ich niemandem wünsche. Denen hätte ich gewünscht, dass sie die Offenheit gespürt hätten, darüber zu sprechen. Vielleicht hätte man dann die Umstände verändern können, die am Leben hindern. Oder zumindest mit ihnen gemeinsam ringen können, ihnen dabei beistehen können, Und wenn nicht, hätte ich ihnen einen assistierten Suizid gewünscht, der im Gegensatz zur Weise, wie sie einsam aus dem Leben geschieden sind, wenigstens ein wenig mit Menschenwürde in Verbindung gebracht werden könnte. Nein, deutlich mehr.

Das offizielle Sprachtabu verhindert keinen (assistierten) Suizid, befürchte ich, sondern fördert sie nur.

Lasst uns vom Leben sprechen, das es ohne Schmerz nicht gibt. Von dem man mehr aushalten kann, als man denkt.
Lasst uns ehrlich über die „Vögel unter dem Himmel“ sprechen, „die unser himmlischer Vater ernährt“ – und von den Würmern und kleinen Fröschen usw., mit denen er sie ernährt. Lasst uns ehrlich von den grünen Wiesen sprechen, auf denen Gott uns begleitet (das tun wir nur zu gerne), aber eben auch von den finsteren und tiefen Tälern des Lebens. Davon, dass Gott manchmal zulässt, dass sie tiefer sind, als wir es ertragen können. Aber auch von den Möglichkeiten, mit denen wir es erträglich machen können.

Ich wünsche mir eine Kirche, die nicht strikt Nein sagt, sondern auch ganz offen die Bereitschaft deutlich macht, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger drüber sprechen können und einen nicht im Stich lassen, wenn jemand dann doch den Notausgang aus dem Tal nehmen will. #chrismon.evangelisch.de

R-Werte, Exponentialfunktionen und wie lange der Lockdown noch dauern kann

Wenn Du ein Gefühl dafür bekommen möchtest, warum R-Werte schon bei 1,1 sehr gefährlich sind und warum man die Entwicklung am Anfang nahezu zwangslöufig unterschätzt.

Ein einfaches Rechenblatt zum näheren Verständnis

Das Folgende ist nützlich, wenn Du ein Gefühl dafür bekommen möchtest, warum R-Werte schon bei 1,1 sehr gefährlich sind und warum man die Entwicklung am Anfang nahezu zwangsläufig unterschätzt.

Rechne es selber nach.
Ich beschreibe im Folgenden, wie ich die Excel-Tabelle aufgebaut habe, die Du hier herunterladen kannst:

Zu den Werten des R-Wertes vorab: Ein R-Wert bei 2 wäre die absolute Katastrophe. Auch kleine Werte wie z.B. 1,2 sind gefährlich.

Nimm mal eine Excel-Tabelle und trage ins erste Feld A1 eine 1. Und daneben in C1 einen R-Wert von 1,1.Und dann darunter in A2 „=A1*$C$1″Und dann kopieren Sie A2 und fügen es auf A3 ein. Und auf A4 usw. Das machst Du z.B. bis 50 oder 100 und schaust Dir die Entwicklung der Werte an.

Und dann spielst Du mal in C1 mit den Werten. Treag mal einen Wert von 1,2 ein von 1,3. Vielleicht auch mal 1,01 oder 1,001.

Nur, damit Du mal selber siehst, was „seit Monaten bei 1“ ganz radikal bedeutet, sobald der R-Wert größer als 1 ist.

Im Ergebnis siehst Du eine lange sehr flache Entwicklung, die dann plötzlich sehr steil steigt. Und Du bekommst ein Gefühl dafür, wie gefährlich kleine R-Werte sind, sobald sie größer 1 sind.

Im Ergebnis hast Du ein grobes Modell für die Entwicklung der Infektionszahlen im Wochenabstand. Und Du verstehst, warum ungefähr Anfang November die Kurve massiv gebremst werden musste. Und warum ohne diese Maßnahmen in Deutschland seit Anfang Dezember 2020

Eine Exponentialfunktion mit dem R-Wert 1,2
R-Wert von 1,2 – Unten könnte man die Zahl der Wochen annehmen.

keine Intensivbetten mehr frei gewesen wären.
Auf dem Dashboard des RKI kannst Du dann die Kurve „COVID-19-Fälle/Tag nach Erkrankungsbeginn, ersatzweise Meldedatum“ groß anzeigen lassen und mal schauen, wie die R-Werte im Sommer waren, wie sie Anfang November 2020 steil anstiegen, und wie gut die Excel-Tabelle den groben Verlauch dazu darstellt. Und warum es gut ist, dass der exponentielle Anstieg erfolgreich gestoppt wurde.

Und wie lange wird unser kleiner Lockdown noch dauern?

Dazu nimmst Du die Excel-Tabelle und trägst oben statt „1“ die aktuelle Zahl der Infizierten ein (heute: ca. 120 000) und nimmst als aktuellen R-Wert 0,8.
Da kommen noch einige Wochen zusammen.
Wenn wir alle dazu beitragen, dass der R-Wert auf z.B. 0,6 zurück geht, werden wir ein paar Wochen weniger brauchen. Einfach mal 0,6 einsetzen und den Unterschied ansehen.
Leider war heute, 14.1.21 ausweislich des RKI der R-Wert schon wieder bei 1. Einfach mal einsetzen, wie lange dann der Lockdown noch anhalten würde, wenn sich daran nichts ändert oder der R-Wert wieder steigt.

Seid barmherzig!

Gedanken zur „Jahreslosung“ 2021 aus Lukas 6,36
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Gedanken zur Jahreslosung 2021

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Lukas 6,36

Ein Wort für alle?
Ein Wort zunächst nur für Fromme.
Fromme Menschen nehmen Gott besonders ernst. Gott und seine Gebote. Wie soll man richtig leben? Was tut eine gut?

Da könnte man bei Gott eine ganze Menge lernen. Bis zum letzten i-Punkt. Alles bis ins kleinste geregelt. Einfach nur machen, und alles wird gut.

Aber so einfach ist das nicht. Niemand kann alles richtig machen. Dazu ist das Lenen viel zu komplex. Jeder Mensch macht Fehler. Überhaupt gibt es das Leben nur, weil es auch Fehler gibt. Sagt Lesch, und er hat recht. Ohne Barmherzigkeit wären wir da aufgeschmissen.

Gott, ďer uns geschaffen hat, hat uns genau so geschaffen: lebend. Lernend. Ausprobieren. Fehler machend. Gott kennt uns – und ist barmherzig.

Das tut Gott manchmal ganz schön weh, bei all dem, was wir so verzapfen. Aber er bleibt barmherzig.

Ich muss an jenen Menschen aus dem Wachdienst meiner Kaserne denken.
„Salam aleikum“, beginnt einer von uns beiden. Und der andere antwortet mit: „aleikum salam“. Und ich weiß, dass er fünfmal am Tag zu „Gott dem Barmherzigen“ betet. Unter den 99 muslimischen Gottesnamen der vornehmste. Wenn wir nicht sprechen können oder zu weit entfernt sind, führen wir die Hand aufs Herz. Friede sie mir Dir. Und mit Dir. Gott ist ein barmherziger Gott. Mit tut das gut.

Darf ich das? Sind „sein“ Allah und „mein“ christlicher Gott identisch? Der Mathematiker in mir weiß: Wenn es nur einen Gott gibt, und er glaubt an den einen Gott und ich glaube an den einen Gott, dann müssen wir beide an den identischen Gott glauben. Aber Gott ist ist Gott. Er sieht ihn anders, als ich ihn sehe. Aber beide sehen wir ihn als den barmherzigen Gott.

Fromme Menschen können manchmal so abgrenzend, so unbarmherzig sein. So überheblich über Menschen ohne religiösen Glauben oder anderem Glauben. Dabei findet sich auch dort viel Weisheit und das Bemühen, möglichst heil und friedlich durch das Unheil der Welt zu kommen.

Dementsprechend beginnt die Bibel universell. Die antiken Herrscher hielten sich selbst gerne für Stellvertreter Gottes. Ebenbild von Gott „Sonne“ wollte der König von Babylon sein. Und hatte Angst vor Gott „Mond“ in der Nacht. „Keine Götter“, so beginnt die Bibel, sondern einfach „Lampen am Himmel“. Und Ebenbild Gottes ist jeder Mensch. Männlich wie weiblich, das ist egal. Wenn du an Gott glaubst, dann ist jeder Mensch sein Stellvertreter. Egal ob babylonisch, assyrisch oder jüdisch. Ob muslimisch, christlich, hinduistisch oder atheistisch.

Was bedeutet es, sein Stellvertreter zu sein? Es heißt: Verantwortung zu haben. Es heißt: Selber entscheiden zu müssen. Es bedeutet, dass die Bibel nicht einfach ein Rezeptbuch ist, das einem jede Entscheidung abnimmt. „Lieber Gott, da in der Bibel steht doch, da kann ich mich doch jetzt nicht falsch verhalten haben?“ Doch, kannst Du. Du kannst falsche Entscheidungen treffen. Das gehört dazu, wenn man Mensch ist. Ohne Fehler kein Leben. Und Gott bleibt ein gnädiger Gott. Und er leitet an, auch gegenüber anderen barmherzig zu bleiben, die sich ebenfalls falsch verhalten haben. Die anders glauben. Damit wir miteinander leben können.

Seid barmherzig. Ich hoffe, dass auch Nichtfromme sie diesem Gedanken anschließen können.

Wir müssen uns nicht alles gefallen lassen. Man soll sich auch nicht auf dem Kopf herum tanzen lassen. Manchmal muss man auch auf den Tisch hauen. Manchmal hauen die anderen auf den Tisch. Seid barmherzig. Dann kann man sich gemeinsam an den Tisch setzen.

Ich wünsche ein friedliches 2021. Dass wir am Ende gemeinsam an unserem Tischen sitzen. Nicht nur im Freien. Auch in den Schulen. In den Heimen, an den Arbeitsplätzen.

Und dass wir Gas geben im Blick auf den Klimawandel, im Blick auf Gerechtigkeit in der Welt. Denn auch wenn Gott ein barmherziger Gott ist: Die Folgen des Klimawandels werden wir selber ausbaden. Der Klimawandel ist da anders als der barmherzige Gott. Klimawandel ist stürmisch und unbarmherzig. Man darf das nicht verwechseln.

Gott steht für das Unberechenbare

Gott bleibt unberechenbar. Wie auch das Leben selbst. Wir werden es mit Optimismus meistern. Trotz aller Unsicherheiten. Gedanken zu Advent und einem neuen Buch von Lesch.

Gerade habe ich vom neuen Buch von Lesch gehört.

Harald Lesch, Thomas Schwarz, Unberechnbar. Das Leben ist mehr als eine Gleichung

Dazu würde ich sagen: „Gott“ ist Ausdruck dessen, dass die Welt nicht berechenbar ist.
 
(All die philosphischen Versuche, Gott zu berechnen und zu beweisen, ausgerechnet Gott logisch zu konstuieren und ihm Eigenschaften wie Allwissenheit und Allmacht zuzuschreiben und vieles mehr, sind Gotteslästerung. Dem Judentum verdanken wir den genialen Gedanken, dass es sinnlos ist, sich ein Bild von Gott zu machen.)
 
„Erbsünde“ bedeutet dann, dass es Leben nur durch ständige Veränderung, Fehler und Irrtümer gibt, Perfektionismus wäre das Ende jeglichen Lebens.
 
Karfreitag drückt das damit verbundene Leiden aus.
 
Und Ostern, Weihnachten und Pfingsten stehen für den Optimismus, dass es trotzdem mit dem Leben weiter geht.
 
Weihnachten erinnert an die Geburt eines Kindes. Und wer kurz vor Weihnachten Mutter oder Vater geworden ist und dann das neugeborene Kind auf dem Arm hat, hört die vielen Sätze aus den biblischen Weihnachtstexten ganz neu. Die Hilfebedürftigkeit des „ben Adam“, des Menschen („Menschensohn“ als besonderen Würdetitel des halte ich für einen ekklatanten theologischen Fehler. Menschensohn verweist in Wirklichkeit aus das erste Kapitel der Bibel zurück: Jeder Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen. Jedes neugeborne Kind steht für Hoffnung und Liebe und Zukunft.) wenn er auf die Welt kommt, löst Zuwendungn und Liebe aus. Und bei allen Zweifeln den Optimismus: Das Leben wird weitergehen.
 
Ostern zeigt darauf, dass das Leben auch nach großen Katastrophen weiter gehen wird.
 
Und Pfingsten weist auf die große Kraft hin, die uns Menschen aus all diesem Unverfügbaren erwachsen kann und erwachsen wird.
 
Ja, dieser eine damals in der Krippe war etwas ganz besonderes. Und sagt uns zu, dass wir alle etwas ganz besonderes sind. Selbst der Kranke, der Gefangene, der Sterbende, der Bettelnde sind etwas ganz besonderes und sollen so betrachtet werden, dass man Gott in ihnen wie in sich selbst erkennt.
 
Wir hätten es fast vergessen. Corona erinnert uns daran, wie unberechenbar und wie gefährdet unser Leben ist.
 
Und in der kommenden Adventszeit können wir drüber nachdenken, wie wir trotz all dieser Unsicherheit und Gefährdung den Mut nicht verlieren.
 
Das ist kein Widerspruch zum Gedanken an einen persönlichen Gott. Aber es interpretiert diesen Glauben auf eine Weise, von der ich überzeugt bin, dass auch ein Atheist ihn mitgehen könnte.
 
Wir sind alle „nur Menschen“, egal, was wir glauben. Und wir brauchen einen gemeinsamen Optimismus, um trotz allem weiter leben zu können.
 
Wenn unser jeweiliger Glaube uns und die anderen dabei bereichern kann, ist es gut.
 
Und das Schöne: Über unberechenbare Götter ist jeder Streit sinnlos. Also will ich gar nicht mehr streiten über Gott.
 
Aber eintreten für eine solidarische Welt, in der man an den manchmal unvermeidlichen Katastrophen mitleidet und versucht, gemeinsam das Schlimmste zu verhindern.
 
Und wenn ich das Buch vielleicht von meiner Familie zu Weihnachten geschenkt bekomme, kann ich schauen, wie sehr meine Gedanken zu Leschs und Schwartzens Gedanken passen… Ich bin da ganz optimistisch.

Gesichtsmaske mit Filterwirkung

Neugierig habe ich eine transparente Gesichtsmaske mit Filterwirkung ausprobiert, die jetzt laut Hersteller auch die Zulassung als Medizinprodukt hat.

Ich bin ein neugieriger Mensch und habe mir vor ein paar Wochen aus dem Internet eine Filtermaske bestellt, die verspricht, relativ dicht zu sein. Jetzt ist sie da.

Das entsprechende Datenblatt bekommt man auf Nachfrage beim Hersteller. Ich sehe gerade, dass er seine Homepage inzwischen selber mit vielen weiteren Videos ausgestattet hat. Es lohnt sich also, dort reinzuklicken. Und auch hier werde ich die eine oder andere neue Erkenntnis beim Tragen einfügen. (Stand: 23.11.2020 17:26 h)

Ich trage sie jetzt schon einige Minuten. Man kann gut darunter atmen. Sie ist etwas weniger durchsichtig, als ich es erwartet hätte, finde aber, man kann die Mundbewegungen gut erkennen.
Ich habe den Hersteller gefragt, ob es die Filter, die unter den Magnetbefestigungen eingeklemmt sind, auch als ffp2-Standard gibt und habe zur Antwort bekommen, dass ffp2-Masken etwa für Anwendungen im Tunnel o.ä. wesentlich mehr Kriterien erfüllen müssen, dass aber durch diese Maske die ffp2-Masken im Blick auf einige Parameter übertroffen werden.
Laut Herstellerangaben (falls jemand mal nach Vergleichswerten googlen möchte):
Filtereffizienz NaCl: 98 %
Filtereffizienz DEHS: 98 %
Gesamte Leckage bei Raumluft (0,14 µm- 5 µm): 3 %
Atemwiderstand (95l/mun): 243 Pa

Laut Hersteller werden FFP-2-Masken von der WHO empfohlen, weil „die Filtereffizienz dieser Masken bei 0,6 µm großen Partikel 94 % beträgt und eine Leckage von maximal 11% aufweist.
Demgegenüber: „Bei Miama beträgt die Filtereffizienz bei 0,3 µm großen Partikel 98%.
Ich kann diese Angaben nicht überprüfen. Aber vielleicht können sie für denen einen oder anderen eine Hilfe sein.


Ich habe das Ding jetzt eine knappe Stunde auf der Nase. Es atmet sich gut, wie es aussieht, muss jeder selbst beurteilen. Das Silikonmaterial ist ausgesprochen weich – weicher als ich meine Taucherbrillen in Erinnerung habe. Und auch der kurzgeschnitte Bart scheint kein Problem zu sein. Ich hoffe allerdings, dass bei längerer Tragezeit meine Nase mitmacht. Auf Dauer kann auch leichter Druck nerven.
Ich würde sagen, die Luftströme gehen alle durch den Filter – im Gegensatz zu all den vielen Masken, bei denen ich Mühe hatte, dass die Brille nicht beschlägt und bei denen man selber merkt, wie viel rechts und links am Filter vorbei läuft. Selbst bei einem Test-Huster beschlägt die Brille fast nicht (bei den sonstigen Masken kann ich dann meist gar nichts sehen) und geht auch sonst fast nichts an der Dichtung vorbei, sondern durch den Filter….
Allerdings dauert es manchmal ein wenig, bis ich den richtigen Sitz gefunden habe und bis die Brille beim Ausatment nicht beschlägt. Jetzt habe auch das Band hinten etwas weniger fest eingestellt. Meine Nase findet ganz gut, aber mir scheint, es ist jetzt auch etwas weniger dicht.
Und es können auch ein paar ordentliche Tropfen Kondenswasser zusammen kommen, wenn man die Maske länger trägt.

Soweit erst mal…

Hübsch ist anders, aber wenn es etwa Menschen hilft, die auf das Lippenlesen angewiesen sind, oder wenn man auch mal selber offensiv sein Lächeln zeigen will (das ist in dieser Corona-Stimmung sicher wichtig), dann könnte es genau die richtige Anschaffung sein.

Gott beweisen?

Es gibt keine unbestreitbaren Beweise für Gott – und es kann sie nicht geben.

Es gibt keine unbestreitbaren Beweise für Gott – und es kann sie nicht geben.

Es kann sie auf (natur-) wissenschaftlicher Basis nicht geben. Denn in der Wissenschaft gibt es nur Theorien und die gelten nur, bis sie verändert werden müssen und bis sie ggf. doch widerlegt werden. Wissenschaft ist grundsätzlich kritische Wissenschaft, die sich ständig selbst hinterfragt. Manche der Theorien haben eine so hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie kaum noch modifiziert werden müssen und als quasi-bewiesen gelten können. Sie sind „Stand der Wissenschaft“. Aber auch da gibt es immer wieder Überraschungen. Wirklich „unwiderlegt bewiesen“ ist da nichts – sondern immer nur so lange, wie man keine Widerlegung gefunden hat.

Es kann solche Beweise auch deswegen nicht geben, weil Gott dann ein diesseitiger Forschungsgegenstand wäre wie Kaulquappen oder andere Organismen oder phsikalische Prinzipien. Wenn auf diese Weise „Gott“ bewiesen würde, wäre klar: Das was da bewiesen wurde, verdient die Bezeichung Gott nicht.

Ein dritter Grund dagegen: Es müsste irgend einen „archimedischen Punkt“ außerhalb von Gott geben, an dem man den Beweis ansetzen kann.

Gäbe es ein Beweisverfahren, müsste es einen „Raum“ außerhalb von Gott geben, und wir Menschen müssten so weit außerhalb von Gott stehen, dass wir von dort aus den Beweis führen können. Wir stünden damit sozusagen eine Ebene über Gott. Und wir müssten in der Lage sein, das Beweisverfahren zu bewerten. Das heißt, wir stünden eine weitere Ebene oberhalb des Beweisverfahrens. Denn behaupten, dieses Verfahren könne Gott beweisen, könnte jeder. Dies kritisch nachzuweisen erfordert eine weitere Ebene. Wir stünden somit mindestens zwei Ebenen „über Gott“ und hätte gezeigt, dass dieser „Gott“ in Wirklichkeit ein kleiner „Götze unterhalb von uns ist“.

Und es kann solche Beweisverfahren aus theologischen Gründen nicht geben: Weil es Glaube ohne Zweifel nicht gibt.

Gott ist nun mal Gott.

Das bedeutet nun nicht, dass es keinen Gott gibt.

Ich finde das Funktionieren der Natur wunderbar. Auf der anderen Seite sehe ich die Grausamkeiten der Natur, die auch von den Psalmen gelobt werden: Das Rauchen der Vulkane, die gewaltigen Stürme und Wasserfluten, die so viel vernichten können. Das eine zeigt ein Bild der Erhabenheit Gottes, und das andere stellt es angesichts des damit verbundenen Leids völlig infrage.

Glaube ist für mich eine Art, trotz all diesen Leids die Hoffnung nicht zu verlieren.

Und der Satz aus Hebr. 11,1 fasst es gut zusammen:
Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Das Kapitel zählt dann vieles auf, auf das sich dieser Glaube gründet. Aber es bleibt Glaube dessen, was man eben nicht „sieht“, was man nicht beweisen kann.
„Feste Zuversicht“ ist subjektiv stark, keine Frage. Aber diese Zuversicht ist etwas, was Gott von außen schickt. Und deswegen taugt sie zum Glauben, aber nicht zu einem Beweisverfahren.

Du wirst auf diese Frage viele Antworten bekommen, die dennoch so etwas wie „Beweise“ präsentieren. Keine davon wird Dir aber einen wirklichen Beweis liefern können. Im Gegenteil: Diese Beweise sind meist reine „Schönwetter-Beweise“. Sobald die erste Lebenskrise kommt, fallen sie zusammen wie Kartenhäuser, weil die erfahrenen Widersprüche zu groß sind.

Umgekehrt ist es gerade eine Stärke der Klagepsalmen, in ihrem Leid Gott sehr grundsätzlich infrage zu stellen. Weil diese Klage aber vor Gott getragen wird, steckt darin schon der Glaube, dass irgendwer diese Klage doch hört. Und darum enden diese Klagen meist in großer Zuversicht.

Wenn man vom christlichen Standpunkt aus fragt, dann ist der Kreuzestod die stärkste Infragestellung aller Gottesbeweise. Am Kreuz war es nach menschlichem Ermessen mit allem aus. Die Auferstehung zeigt dann, es geht doch irgendwie weiter. Aber wissenschaftlich ist es den Beweisen entzogen. Zeugen erkennen Jesus nicht oder sie erkennen ihn an Gesten, die jeder andere auch so machen könnte. Er kann durch verschlossene Türen und Wände gehen – das ist genau der Gegenteil eines Beweises. Niemand kann durch Wände gehen. Es wäre die Widerlegung jeglichen Beweises.

So bleibt Gott ein unbeweisbares Wunder.

Wer intellektuell ehrlich glauben will, muss daher m.E. Agnostiker sein. Der sagt: „Ich weiß es nicht.“ Aber als gläubiger Agnostiker wird er sagen: „Aber der Glaube hat mich bisher nicht losgelassen. Darüber bin ich unendlich froh.

„Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“

Gedanken zur „Jahreslosung“ 2021 aus Lukas 6,36
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Gedanken zur Jahreslosung 2020

„Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“ Markus 9,24

Seit dem 16. Juni 2020 bin ich Militärpfarrer am Standort Mayen.

Meine Evangelischen Kirche im Rheinland hat mich für diesen Dienst freigestellt. Ich bin aber froh, immer noch zu meiner Landeskirche zu gehören, in der ich zuletzt im Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel als „Pfarrer mit Besonderem Auftrag“ in der Altenheim- und Krankenhausseelsorge tätig war.

Die Zeit als Notfallseelsorger im Kriseninterventionsdienst-Team des DRK prägte mich ebenso wie die Aufgabe Sternenkinder zu beerdigen: Kinder, die tot auf die Welt gekommen sind. Unsere Welt ist manchmal ziemlich brutal – auch wenn ich das Privileg genieße, in einer Ecke der Erde zu leben, die seit Jahrzehnten von Wohlstand und Frieden geprägt ist. Für mich bedeutet es, dass ich versuche, dankbar aber auch ehrlich zu predigen – nun auch in der Militärseelsorge.

„Ich glaube!“ Das tun heute viele. Und sie glauben viel zu viel. Glauben ist gar nicht so schwer. Einfach liken und weiterschicken.
Aber kritisch hinterfragen? Nicht sofort weiterschicken, sondern erst einmal kontrollieren, ob die Quelle glaubwürdig ist? Nicht alles für bare Münze nehmen? Was mag dieser Vater des „besessenen“ Jungen nicht alles ausprobiert haben? Wer mag ihm nicht schon alles versprochen haben, er könne seinen Sohn heilen? „Ich glaube doch!“, schreit der Vater. „Den anderen habe ich doch auch geglaubt. Mein Sohn ist immer noch krank. Meine Zweifel gehören zu mir. Du kannst meinem Sohn nur helfen, wenn du mich so nimmst, wie ich bin. Mein Glaube gehört zu mir! Hilf auch meinem Unglauben!“
So lautet einer meiner Versuche, die Jahreslosung zu lesen. Wenn wir alles für bare Münze nehmen, wenn wir uns kritiklos ein X für ein U vormachen lassen, geben wir die Verantwortung ab an irgendwen. Wir übernehmen sie dann jedenfalls nicht mehr. Richard P. Feynman, der großartige Physik-Nobelpreisträger und unbestechliche Wissenschaftler, legte großen Wert darauf, dass es Wissenschaft ohne Zweifel nicht gibt. Und er bewunderte den Glauben, der seiner Meinung nach ohne Zweifel auskäme. Ich möchte ihm widersprechen. Auch der Glaube kommt nicht ohne den Zweifel aus. Nichts an Gott kann ich wissen. Es gibt keinen archimedischen Punkt, von dem aus ich über Gott Sicherheit bekommen kann. Und wenn ich mir besonders sicher scheine, kann ich von Gott besonders weit entfernt sein. Glaube gibt es nicht ohne den Zweifel.
„Hilf meinem Unglauben!“ Dieser Vater hatte etwas begriffen. Wie sein Sohn gesund geworden ist: Ich weiß es nicht. Ich muss das auch nicht wissen. Ich freue mich für die beiden. Und verliere hoffentlich meinen Glauben auch im Auslandseinsatz nicht. „Hilf meinem Unglauben!“

Bernd Kehren,
Militärpfarrer

Gottgewollte Diversivität

Wie vielfältig dürfen wir Gottes Schöpfung denken?
Wie vielfältig auch im Blick auf Konfessionen und Religionen?

Kurz gesagt bedeutet „Diversivität“: „Vielfalt“.Wir neigen dazu, Dinge oder Menschen in Schubladen zu stecken. Das betrifft nicht nur das Geschlecht, sondern auch die Auffassungen, Religionen, Parteien, Nationalitäten.

Wenn alle immer nur in dieselbe Richtung denken, ist das zwar irgendwie bequem, aber im Laufe der Zeit auch sehr gefährlich: Man verpasst möglicherweise wichtige Entwicklungen. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“
Darum entdecken immer mehr Firmen den Vorteil, einer vielfältig zusammen gesetzten Belegschaft. Die Vielfalt ist manchmal anstrengend, aber sie befruchtet auch. Man muss sich mit ganz unterschiedlichen Meinungen auseinander setzen, aber man lernt auch neue Perspektiven kennen: Auch Lösungsansätze, an die man im ersten Moment gar nicht gedacht hätte.

Neu ist das alles nicht.

Im 1. Petrusbrief 4,10 findet sich der Vers:
„Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.“

Wir sind alle unterschiedlich. Jeder und jede kann etwas besser als andere und ist dafür an anderer Stelle weniger begabt. Man kann an seinen Begabungen arbeiten und sie verbessern.

Alle aber können wir uns mit unserer Vielfalt gegenseitig bereichern:

Männer und Frauen,
Kinder und Erwachsene,
Junge, Mittlere und Alte,
Protestanten, Katholiken, Freikirchlicher,
Gläubige, Ungläubige und Andersgläubige,
Menschen aller Religionen und Länder,
Flüchtlinge und Geborgene,
Heterosexuelle, Homosexuelle, Transgeschlechtliche, wie immer auch wir fühlen und denken,
Konservative und Progressive.

Jede (m/w/d) ist ganz individuell anders.

Wir bereichern uns gegenseitig.
Das ist gut so.
Gottgewollt oder natürlich.
Denn Natur ist Vielfalt.
Und jede und jeder hat seine eigenen Fähigkeiten, mit wir alle uns einbringen können.

Bernd Kehren

Was glauben wir denn?

Die Diskussion um Kirchenaustritte ist wichtig, klammert aber den Kern der Frage aus: Unseren Glauben. Was glauben wir? Was ist Glauben? Was unterscheidet ihn vom Wissen? Und wie predigen wir unseren Glauben? Und wie gehen wir mit Zweifel um?

Die Diskussion um Kirchenaustritte ist wichtig, klammert aber oft den Kern der Frage aus: unseren Glauben. Was glauben wir? Was ist Glauben? Was unterscheidet ihn vom Wissen? Und wie predigen wir unseren Glauben? Und wie gehen wir mit Zweifel um?

Was mir fehlt, ist ein ehrlicher Umgang mit den Inhalten unseres Glaubens und Wissens.

  1. Wir unterscheiden zu wenig Glauben und Wissen.
  2. Wir sind nicht ehrlich in dem Bereich, in dem es um das Wissen und Wissenschaft geht.
  3. Und wir tragen zu oft das Wissen in Bereiche, in denen wir „nur“ glauben können.

Immer noch herrscht der Irrglaube vor, in der Wissenschaft würde irgendetwas bewiesen. Richtig ist hingegen: In der Wissenschaft werden Theorien aufgestellt, die die Realität möglichst gut beschreiben. Und in der Tat beschreiben viele Theorien die Realität in einer sehr guten und sehr exakten Weise. Aber es bleiben Theorien. Denn zur Wissenschaft gehört untrennbar der wissenschaftliche Zweifel: Richard P. Feynman nannte Wissenschaft ohne diesen Zweifel Cargo-Kult-Wissenschaft, Scheinwissenschaft. Sieht aus wie Wissenschaft, ist es aber nicht. Zu dieser Problematik gehört eine Krise der Wissenschaft hinzu. Wird heute eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben, traut ihr so gut wie niemand mehr zu, dass sie im Sinne Feynmans ehrliche Resultate (gute realitätsnahe Theorien) zustande bringt, sondern nur noch, dass sie die Interessen des Auftraggebers darstellt.

Was hat das mit dem Glauben zu tun? Viele Menschen behaupten, nur noch das glauben zu wollen, was bewiesen sei. Man schaue sich allein Wirksamkeitsstudien in der Medizin an, deren „Erweis“ rein statistisch ist. Wenn in Doppelblindstudien eine signifikant höhere Erfolgsquote erzielt wird, gilt die Medizin als wirksam. Bittesehr: Was ist da genau „bewiesen“?

Wir sollten das auch in unseren Predigten und Bibelarbeiten immer deutlich herausarbeiten: Wissenschaft gibt es nicht ohne den wissenschaftlichen Zweifel – oder es ist keine Wissenschaft mehr.

Richard P. Feynman steht zu diesem Zweifel und bewundert an dieser Stelle den Glauben, der Gewissheit habe. Genau da möchte ich ihm widersprechen. Denn auch zum Glauben gehört der Zweifel. Dabei hat es der Glaube noch schwerer als die Wissenschaft. Denn die Wissenschaft arbeitet „immanent“: mit den Dingen und Zusammenhängen, die man sehen oder messen kann. Wenn wir vom Glauben sprechen, kommt die Transzendenz hinzu. Ich kann mir einen Gott nicht denken, der (nur) immanent ist. Einen immanenten Gott kann ich untersuchen und Theorien bilden, wie es in der Wissenschaft üblich ist. Einen wissenschaftlichen Gegenstand kann ich im Rahmen der Untersuchung manipulieren, vielleicht sogar in Scheibchen schneiden, einfärben, Theorien bilden: Was sollte daran sein, was die Bezeichnung „Gott“ verdient?

„Gott“ ergibt für mich nur dann einen Sinn, wenn damit Transzendenz verbunden ist. Und damit ist Gott der Sphäre des Wissens grundsätzlich entzogen.

Und da liegt ein grundsätzliches Problem der Theologie. Solange sie sich dies nicht klar macht, versucht sie Gott in ihren Dogmen möglichst genau und immer genauer zu beschreiben. Insbesondere die katholische Kirche hat sich auf diese Weise in ein Glaubenssystem eingemauert, das immer stärker im Widerspruch zur erlebten Welt steht, dass dem zurecht immer weniger Menschen Glauben schenken.

Aber auch in der protestantischen Welt wird Glaube zu oft in dieser Weise gepredigt. Im fundamentalistischen Bereich ist man darauf sogar stolz. Man versucht, den transzendenten Gott mit immanenten Mitteln beweisbar oder zumindest plausibel zu machen. Während die Evolutionstheorie ja „nur“ Theorie sei, habe man mit dem Gottglauben etwas Sicheres in der Hand und sei der Wissenschaft überlegen.

Erstens nimmt man dabei die Wissenschaft nicht ernst und zweiten nicht den Glauben.

Was soll das sein, ein sicherer Glaube? Wenn es diesen sicheren Glauben gäbe, gäbe es irgendwo einen immanenten Punkt, an dem ich meinen Glauben aufhängen oder festmachen kann. Aber dann hätte ich immanente Möglichkeiten, Gott zu bewerten oder zu beweisen und ich hätte immanente Fähigkeiten, diese Möglichkeiten zu unterscheiden und ihrerseits zu bewerten, ob sie denn auch wirklich das tun, was sie vorgeben. Im Ergebnis stünde ich „über“ Gott. Was soll das für ein Gott sein, den ich auf diese Weise immanent „bewiesen“ hätte?

Theologisch gedacht: Unser christlicher Glaube führt über das Kreuz. Und nach immanenten Kriterien ist dies die größte Niederlage und der größte Grund zu zweifeln.

Predigen wir das? Treten wir offensiv für diese Erkenntnis ein, sowohl, was den Zweifel in der Wissenschaft betrifft, als auch was den Zweifel im Glauben betrifft?

Angesichts jüngst geäußerter Zweifel von bekannten Musikern aus der Lobpreisszene kam im Gegenteil sofort der zweifelhafte Rat, über Glaubenszweifel möglichst nicht öffentlich zu sprechen. Was soll das?

Für viele Menschen ist der Glaube an die Auferstehung die Lösung. Auch dazu muss man ehrlich sagen: Die Auferstehung ist „unglaublich“. Doch, ich glaube auch daran. Aber es gibt im Bereich der Immanenz nichts, aber auch gar nichts, was dafür spricht. Als Notfallseelsorger habe ich immer wieder mit Notärzten zu tun, die sich die allergrößte Mühe geben, Menschen nach einen Herzstillstand zu reanimieren. Fragt doch mal einen solchen Notarzt, was er davon hält, dass jemand nach drei Tagen ohne Herztätigkeit wieder ins Leben erweckt wird. Nichts.

Nach zweitausend Jahren Christenheit ist manchem Christen die Rede von der Auferstehung so normal geworden, dass uns das Bewusstsein dafür verloren gegangen ist, wie wenig normal Auferstehung ist, wie unglaublich und unbegreiflich.

Ich kann mich Fälle von plötzlichem Kindstod oder von Unfällen mit Kindern erinnern, wo ich so gerne vor den Eltern gesagt hätte: „Im Namen Jesu Christi, steht auf, sei gesund, lebe!“ Aber ich kann es nicht. Trotz allen Glaubens.

Und wir wissen, dass deswegen die Auferstehung in der Bibel auch so „verschwommen“ beschrieben wird. Der Auferstandene wird nicht erkannt. Oder er wird an Dingen wie dem Brotbrechen erkannt, was doch nun wirklich keinen direkten Beweiswert hat.

Für mich persönlich hat dies zur Erkenntnis geführt, gläubiger Agnostiker zu sein. Und ich glaube, dass dies die einzige ehrliche Möglichkeit zu glauben ist. Auf der Ebene all dessen, was ich wissen kann, kann ich bei allen transzendenten Aussagen nur sagen: Ich weiß es nicht. Und ich muss damit leben, dass ich es nicht weiß.

Aber ich glaube. Ich kann trotz allem wissenschaftlichen und glaubensmäßigen Zweifel nicht vom Glauben lassen. Glaube gilt in der Theologie als ein Geschenk. Und ich weiß nicht, warum ich ihn geschenkt bekommen habe. Damals, als ich konfirmiert wurde, war ich mir meines Glaubens nicht sicher und habe mich nur nicht getraut, darüber zu sprechen. Inzwischen bin ich dankbar, dass ich mich damals habe konfirmieren lassen. Denn es hätte niemals in meinem Leben den Punkt gegeben, an dem ich nach immanenten Kriterien sicher gewesen wäre.

Aber dann kam das Theologiestudium. Da habe ich eine Menge gelernt, was man wissen kann. Zum Beispiel, wie diskursiv das Judentum ist. Wie intensiv im Talmud über den Glauben diskutiert wurde, im Pro und Kontra. Wie man sich im Judentum weigert, über Eigenschaften Gottes zu diskutieren und an dieser Stelle schweigt. Und wie weise diese Entscheidung war, damals oft angesichts von figürlichen Gottesdarstellungen und -statuen.

Da habe ich auch gelernt, wie vielschichtig die Bibel ist, widersprüchlich, nicht perfekt.

Gerade sehr fromme Menschen weisen auf Bibelverse hin, in denen vor der Philosophie gewarnt wird, menschliche Klugheit könne gegen Gott und den Glauben nichts ausrichten (Kol 2,8). Aber wenn es um die Unfehlbarkeit der Bibel geht, merken sie nicht, wie sie philosophischem Denken auf den Leim gegangen sind nach dem Motto: Gott muss als unfehlbar und allmächtig gedacht werden. Wenn Gott so ist, muss auch ein Buch, das er herausgibt, unfehlbar und widerspruchsfrei sein. Und so machen sie sich die Bibel dann passend. Keiner hat Gott gefragt, ob er die Bibel unfehlbar und widerspruchsfrei herausgeben wollte.

Wenn ich mir die Bibel anschaue, und wenn ich davon ausgehe, dass es Gott irgendwie gibt, dann hat er allem Anschein nach nicht die Absicht gehabt, die Bibel unfehlbar und widerspruchsfrei herauszugeben.

In der Theologie habe ich dann den Slogan vom „Gotteswort im Menschenwort“ kennengelernt. Und ich habe die kritische Theologie lange Zeit so kennen gelernt, dass sie versuchte, aus all dem Menschenwort das Gotteswort „herauszudestillieren“. Aber heraus kam immer nur das, was der jeweiligen Destillationstemperatur entsprach: Stellte man die „Temperatur“ auf „revolutionär“, bekam man einen revolutionären Jesus und einen revolutionären Gott. Man konnte die Temperatur auch auf „sozialkritisch“ stellen, als „Wanderprediger“ oder sonst irgendwas. Was unbequem war, konnte man schnell als „zeitbedingt“ abtun oder als „Gemeindebildung“. Übrig blieben dann echte Gottesworte, mit denen man Schöpfungstheologie oder sonst Wichtiges begründen konnte. Und selbst jetzt noch soll es NT-Programme geben, in denen Neutestamentler mit Mehrheitsentscheidung beschließen, welche Verse auf Jesus zurückgehen und welche nicht. Darum bin ich sehr empfindlich, wenn ich diesen Slogan vom „Gotteswort im Menschenwort“ höre.

Dabei kann man ihn auch so verstehen, dass wir Gottes Wort nur so haben, wie wir es haben: Ohne Urschriften. Nur in divergierenden Abschriften. In unterschiedlichem Umfang (mit oder ohne biblische Apokryphen). In unterschiedlichen Übersetzungen unterschiedlicher Qualität. Von Menschen gemacht. In unterschiedlichen Auslegungen. All das ist als Bibel Wort Gottes und Richtschnur für unser Leben. Aber nicht als eine Art Pfadfinderhandbuch (da schlägt man für eine bestimmte Lebenssituation die richtige Seite auf. Wenn man dann genau nach Anleitung verfährt, hat man sich sicher richtig verhalten), sondern als ein Buch, das zu Freiheit und Verantwortung anleitet und manchmal sogar zum Widerspruch. Wie bei Abraham: „Lieber Gott, wenn es 50 Gerechte in der Stadt gibt, kannst Du sie doch nicht im Ernst vernichten wollen!“ Oder: „Auch die Hunde essen doch von dem, was vom Tisch fällt!“

Und wenn es hundert Bibelverse gibt, die ein bestimmtes Verhalten nahe legen: Wenn das Verhalten jetzt in dieser Situation falsch ist, dann ist es dennoch falsch. Gott, wenn es ihn gibt, wird es mir unter die Nase reiben. Und wenn ich dann sage, „aber es gab doch all diese Verse“, dann wird er mich an den alten Elternspruch erinnern: „Und wenn dein Freund sagt, spring von der Brücke, springst Du dann auch von der Brücke?“ Na also!

Ich kann das jetzt nicht ausführen, was mir an meinem Glauben so gefällt: Gott, der Niederlagen kennt. Und von dem ich leidenden Eltern, wenn sie mich fragen sollten, sagen kann: Gott weiß, was Sie empfinden, denn er hat es auch erlebt.

Ich kann einen Glauben predigen, der keine Garantie vor Schicksalsschlägen bietet, aber davon spricht, dass wir trotzdem getragen sind. Beweisen kann ich es nicht. Ich weiß nicht mal, ob ich dann noch glauben kann, wenn meinen eigenen Kindern etwas von dem passiert, bei dem ich als Notfallseelsorger anderen Eltern beistehe. Und ich hoffe, dass mein Glaube niemals auf diese Weise auf die Probe gestellt wird. Auch um meiner Kinder willen.

Aber ich weiß, was vielen Menschen den Glauben verleidet: dass „wir“ ihn zu oft mit Sollbruchstellen predigen. Ich zucke in Kindergottesdiensten zusammen, wenn der sinkende Petrus mit einer Inbrunst so gepredigt wird, dass er mit dem richtigen Glauben nicht untergegangen wäre. Ist uns klar, dass wir mit solcher Predigt Sollbruchstellen in den Glauben unserer Kinder einbauen? Und dass das irgendwann einmal Einfluss auf Kirchenaustrittszahlen haben wird?

Wie vielen von den älteren Christen ist beigebracht worden, dass das Christentum in der Evolution der Religionen die beste und moralischste und höchste sei? Kein Wunder, dass die Austrittszahlen hochspringen angesichts von sexuellem Missbrauch!

Wie oft haben wir davon gepredigt oder noch Predigten gehört, wie toll es damals in der Urgemeinde war? Und dann ging es nur noch bergab. Aber wenn wir wieder so toll wären wie in der Urgemeinde und deren Glauben hätten, dann …! Haben wir die Bibel nicht gelesen, wie die gezankt haben wie die Kesselflicker, auch in zentralen Glaubensfragen? Und was für windige Gesellen die zwölf Apostel waren?

Warum predigen wir so wenig davon, wie sehr und wie sich die Gemeinden des Alten und Neuen Testaments mit dem Glauben der Umwelt auseinandergesetzt haben? Warum z.B. Sonne und Mond in der Urgeschichte nur „das große Licht und das kleine Licht“ genannt werden? Warum nicht nur der König Ebenbild Gottes ist, sondern jeder Mensch, gleichberechtigt männlich wie weiblich (und dass damit keine abschließende Aufzählung verbunden ist, sondern eher eine inklusive Aufzählung)?
Es gibt in der Bibel im Gespräch mit ihr so viel zu entdecken. Wenn man mich fragt: so viel Freiheit und so viel Aufruf zu eigener und gesellschaftlicher Verantwortung. Soviel Aufruf, auch mit Gott zu ringen – und sich zugleich demütig auf ihn einzulassen.

Und sich auf den Zweifel einzulassen, vielleicht wie Dietrich Bonhoeffer in jenem bekannten Text „Wer bin ich?
Die vielen soziologischen Diskussionen darüber, wie man auf die Kirchenaustritte reagiert, sind sicher wichtig. Aber wir dürfen auch den Kern nicht vergessen: unseren (bibeltreuen) Glauben.
Lassen wir uns auf die Bibel ein – so wie sie ist? Predigen wir im Gespräch mit der Bibel – so wie sie ist? Und was bedeutet das für unseren Glauben? Oder haben wir eine Dogmatik im Hinterkopf, wie man auch „schon immer“ gepredigt hat, dass die Bibel sein müsste, und predigen wir diese Dogmatik? Und wehe dem, der davon abweicht?

Wo lassen wir uns jeweils auf diese Dogmatik ein, ohne uns dessen noch bewusst zu sein? Wo bauen wir darum die Sollbruchstellen im Glauben unserer Gemeindeglieder ein? Und in unseren eigenen Glauben? Wo stehen wir zu Zweifel und wo sind wir Vorbild, mit diesem Zweifel umzugehen?

Manchmal sage ich: „Wenn ich nicht mehr zweifele, dann bin ich tot.“ Solange ich lebe, werde ich zweifeln. Aber möglichst lange werde ich von meinem Glauben erzählen, der mir bisher trotz des Zweifels geschenkt ist. Und ich habe das Gefühl, dass dieses Erzählen weniger Sollbruchstellen hervorruft.
Wenn wir über Kirchenaustritte reden, lasst uns auch über Glauben und Zweifeln und solche Sollbruchstellen reden und lasst uns ehrlich bleiben angesichts dessen, was jedem von uns im Leben passieren kann.