Der TheoPoint

Gedanken über Gott und die Welt.

Einmütigkeit trotz schwerster Differenzen

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Predigt zum 3. Advent 2018 (Röm 15,4-13), Bad Münstereifel

Bevor ich zum eigentlichen Predigttext aus dem letzten Kapitel des Römerbriefes komme, benötigt es heute einige Vorbemerkungen über über Martin Luther und das Verhältnis von Juden und Christen.
Vielleicht wissen Sie noch davon: für Martin Luther ist die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium besonders wichtig.

Das Gesetz hatte er als Mönch gelebt. Er wollte vor Gott gut dastehen. Im Bibellesen. In den Gebeten. In dem, was er an Bußübungen tat. So sehr, dass sein Prior ihm sagen musste: „Martin Luther, wenn du so weiter machst, treibst du uns alle in den Wahnsinn. Wir können nicht mehr. Du möchtest möglichst gut bei Gott dastehen, indem du alle mönchischen Regeln erfüllst. Du zwingst uns auch, alle diese Regeln zu halten. Aber wir können es nicht in dieser Intensität.“

Und dann entdeckt Luther die Verheißung, dass Gott gnädig ist – aus sich heraus: einfach weil er ein barmherziger Gott ist. Wir können nichts tun, um Gott gnädig zu stimmen. Gott ist schon immer ein barmherziger Gott.

Und nun sieht er sich im Konflikt mit der katholischen Kirche. Für ihn ist die katholische Kirche eine Kirche, die viele Regeln aufstellt, die man alle einhalten muss.

Und davon distanziert sich Martin Luther.

Gott ist gnädig aus sich heraus. Den Himmel bekommen wir geschenkt. Es gibt nichts, was man dafür tun kann, um in den Himmel zu kommen. Wer etwas tun möchte, um in den Himmel zu kommen, wird den Himmel verfehlen.

Und nun passiert folgendes: Luther identifiziert sich selber mit Paulus, von dem er diese Erkenntnis hat. Und Luther glaubt, dass Paulus gegenüber dem Judentum in dem selben Konflikt gestanden hat wie er, Luther, im Konflikt mit dem Katholizismus steht.

Egal was in der Bibel steht: Martin Luther ist davon überzeugt, dass Juden aus Werkgerechtigkeit in den Himmel kommen wollen.

Dass auch die Juden eine solche Werkgerechtigkeit ablehnen könnten und schon immer an einen gnädigen Gott glauben, kommt für Martin Luther überhaupt nicht in den Sinn.

Luther ist in seiner Auseinandersetzung mit dem Katholizismus so gefangen, dass er selbst dann, wenn es ganz anders in der Bibel steht, trotzdem daran festhält: Juden halten das Gesetz nicht aus Liebe zu Gott, sondern um Gott dazu zu bringen dass sie in den Himmel kommen. Darum sind die Juden für Luther die allerschlimmsten Sünder. Und darum hat er auch noch in seinen allerletzten Lebenstagen dafür gesorgt, dass die letzten noch verbliebenen Juden aus dieser Umgebung vertrieben werden.

Im Blick auf die Juden hat Martin Luther die Bibel völlig falsch gelesen und falsch interpretiert. Und das schlimme ist: in der deutschen Theologie setzt sich das noch fast bis heute immer weiter fort.
Auf diese Weise gilt Paulus als der, der sich vom Juden Saulus zum Christen Paulus gewandelt hat.

Wenn man aber die Bibel ganz genau liest, fällt einem auf, dass Paulus Zeit seines Lebens Jude geblieben ist. Er hat die Synagoge besucht, wo immer er in einen neuen Ort gegangen ist.

Generell muss man festhalten, dass sich die Jünger und Schüler von Jesus niemals selber als Christen bezeichnet haben, sondern eben immer z.B. als Schüler bzw. wie wir heute noch gewohnt sind zu sagen:: als Jünger. Und sie haben nie aufgehört, sich als Juden zu empfinden.
In der englischsprachigen Theologie gibt es schon seit den 70er Jahren die sogenannte „neue Perspektive auf Paulus“, die nach intensivem Bibelstudium genau das festhalten hat:
Wir verstehen Paulus nur dann richtig, wenn wir auf die vielen Indizien achten, dass er Zeit seines Lebens Jude geblieben ist, wie im übrigen auch alle andere der ersten Schülerinnen und Schüler Jesu.

Das vorweggenommen, möchte ich nun den Predigttext vorlesen – in der Übersetzung meines alten Neutestament-Professors Klaus Wengst.

Römer 15,4-13 (Klaus Wengst)

4Alles nämlich, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben worden, damit wir mit Beharrlichkeit und unter Ermutigung vonseiten der Schriften Hoffnung haben. 5Gott, die Quelle von Beharrlichkeit und Ermutigung, gebe es, dass ihr untereinander einmütig seid entsprechend dem Maßstab, den der Gesalbte vorgibt, 6damit ihr übereinstimmend aus einem Mund Gott loben können, den Vater Jesu, des Gesalbten, unseres Herrn. 7Deswegen: Nehmt einander auf, wie auch der Gesalbte euch aufgenommen hat – zum Lobe Gottes. 8 Ich sage ja: Der Gesalbte ist Diener des Volks der Beschneidung geworden zum Erweis der Treue Gottes, um die den Vorfahren gegebenen Verheißungen zu bestätigen; 9und die Völker loben Gott für sein Erbarmen. Wie geschrieben steht: „Deshalb will ich Dich bekennen unter den Völkern und Deinem Namen lobsingen“ (Ps 18,50). 10und wiederum sagt die Schrift: „Freut euch, ihr Völker, mit Gottes Volk!“ (Dtn 32,43) 11und wiederum: „Preist, all ihr Völker, Adonaj! Loben sollen ihn alle Nationen!“ (Ps117,1) 12Und wiederum sagt Jesaja: „Bestand haben wird die Wurzel Isais; und der aufsteht, über Völker zu herrschen – auf ihn werden die Völker hoffen“ (Jes 11,10). 13Gott, die Quelle der Hoffnung, erfülle euch im Vertrauen auf ihn ganz und gar mit Freude und Frieden, damit ihr Kraft des Heiligen Geistes voller Hoffnung seid.

(Aus: Klaus Wengst, „Freut euch, ihr Völker, mit Gottes Volk!“ Israel und die Völker als Thema des Paulus – ein Gang durch den Römerbrief, Stuttgart, 2008)

Worum geht es in diesen Versen?

Ein wichtiges Wort ist die Einmütigkeit. Wir sollen einmütig sein.

Darüber könnte man nachdenken, völlig ohne einen Bezug auf das Judentum. In der katholischen Kirche wird damit die Ablehnung des gemeinsamen Abendmahl begründet. Wir stimmen in der Lehre nicht über ein. D. h. wir sind nicht einmütig. Deswegen dürfen wir nicht zusammen Abendmahl feiern.

Wenn man sich allerdings anschaut, um was es im Römerbrief in den Versen zuvor, kommt man zu einer völlig anderen Auffassung.

In den Versen zuvor setzt sich Paulus mit folgendem Problem auseinander: wie können Nichtjuden und Juden, die gemeinsam an Jesus glauben, zusammenleben?

Müssen Nichtjuden, die an Jesus glauben, erst Juden werden? Dürfen Juden mit diesen Nichtjuden zusammen essen, wenn die Nichtjuden sich nicht an die Reinheitsgebot erhalten?

Das spannende daran ist: Paulus findet keine klare Regel, an die sich alle halten müssen.

Sondern Paulus sagt: wer glaubt, sich an die Regeln halten zu müssen, der möge sie einhalten.

Wer glaubt, er kann an Christus glauben, ohne die Regeln einzuhalten, der kann das tun. Aber keiner von beiden soll sich dem anderen überlegen fühlen.

Beide sollen zusammen an den Gesalbten, also an Christus glauben können.

Und sie sollen Rücksicht aufeinander nehmen.

Diejenigen, die größere Freiheit empfinden, sollen nicht auf die hinab schauen, die sich strengeren Regeln verpflichtet fühlen. Und die sollen sich so verhalten, dass die anderen trotzdem kommen können ohne sich ausgeschlossen zu fühlen.

Die ersten Verse aus unserem Predigttext sind der Schluss dieser Passage.

Nichtjüdische und jüdische Schüler von Jesus sollen jeweils nach ihrer Auffassung leben und die Gesetze einhalten oder auch nicht einhalten, aber sie sollen das aus Liebe zu Jesus tun, und sie sollen trotzdem einmütig bleiben.

Einmütigkeit hat also nichts damit zu tun, ob alle einer Meinung sind. Ganz im Gegenteil: Einmütigkeit sollen gerade diese sein, die völlig unterschiedlicher Meinung sind.

Einmütigkeit sollen sie im Gotteslob zeigen.

Und Gott soll gelobt werden, weil er ein barmherziger Gott ist. Gott ist nicht erst mit Jesus barmherzig. Sondern Gott ist schon das ganze Alte Testament von der ersten Seite an ein barmherziger Gott. Dafür loben ihn die Juden. Und dafür sollen ihn auch alle anderen Völker loben. Weil Gott ein barmherziger Gott ist. Und weil Gott ein barmherziger Gott ist sind wir voller Hoffnung.

Aber das bedeutet eben nicht – wie Christen so lange gepredigt haben -, dass die Juden davon ausgeschlossen sind. Oder dass Juden nicht an den barmherzigen Gott glauben.

Sondern: schon Jesaja hat hat an den barmherzigen Gott geglaubt. Ganz Israel hat an den barmherzigen Gott geglaubt. Unter diesen barmherzigen Gott werden auch die Völker glauben. Und wir heute glauben auch an diesen barmherzigen Gott und deswegen sollen wir einstimmen in das große Gotteslob: preist ihr Völker den Herren. Hört nicht auf Gott zu loben. Alle Nationen sollen ihn loben. Gott ist treu. Er verlässt sein Volk nicht. Und er wird auch uns nicht verlassen, die wir zu seinem Volk hinzugekommen sind.

Wie anders würde die Welt aussehen, wenn Christen das immer ernst genommen hätten.

Wie anders würde die Welt aussehen, wenn Christen immer den barmherzigen Gott gepredigt hätten.
Stattdessen haben Christen gerne den Richter Gott gepredigt-und dann gleich selber den Richter gespielt. Sie selber, die Christen, waren dann immer die guten. Und die anderen waren die bösen. Die Juden waren die, die als besonders böse galten.

Und die lutherische Auslegung hat dazu erheblich beigetragen.

Was haben wir Christen an dieser Stelle für Schuld auf uns geladen!

Wie konnte man Paulus nur so schrecklich missverstehen!

Paulus predigt von der Barmherzigkeit und der Einmütigkeit – gerade auch zwischen Juden und Nichtjuden in der Nachfolge Jesu. Und Christen hatten nichts besseres zu tun, als Juden aus der Gemeinschaft auszuschließen und zu verfolgen.

Wenn wir jetzt auf Weihnachten zu gehen und uns darauf freuen, sollten wir immer wissen: wir freuen uns auf die Geburt des Juden Jesus.

Wir glauben an einen Jesus, der zeitlebens Jude geblieben ist.

Und wir, die Menschen aus den Völkern, dürfen auch an diesen barmherzigen Gott glauben, an den Jesus geglaubt hat.

Weihnachten nimmt uns hinein in den Glauben an den barmherzigen Gott.
Wir dürfen uns gegeneinander annehmen.
Das betrifft uns in unserem Verhältnis zum Judentum.
Aber mit Juden haben wir hier weniger zu tun. Es betrifft auch uns im Verhältnis zum Katholizismus.

Darum können wir z.B. andere Konfessionen gar nicht vom Abendmahl ausschließen. Wir sind gehalten, sie einzuladen.
5Gott, die Quelle von Beharrlichkeit und Ermutigung, gebe es, dass ihr untereinander einmütig seid entsprechend dem Maßstab, den der Gesalbte vorgibt, 6damit ihr übereinstimmend aus einem Mund Gott loben können

Hier steht, dass wir gemeinsam Gott loben sollen. Und in den Versen direkt vor unserem Predigttext finden wir, dass wir auch zu den Mahlfeiern einmütig kommen sollen.

Dieser Gott ist es, dem wir unsere Lieder singen, den wir rühmen, den wir loben: wegen seiner Barmherzigkeit.

Darum sind die Lieder, die wir noch in diesem Gottesdienst singen werden, auch im tiefsten Sinne Adventslieder. Auch wenn die Melodie möglicherweise sich gar nicht so adventlich oder weihnachtlich anhört.
Aber es ist das Lob des barmherzigen Gottes, der seine Barmherzigkeit im Gesicht des Kindes in der Krippe zeigt und auf diese Weise seinen Frieden zu uns bringen möchte.

Bernd Kehren

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