Der TheoPoint

Gedanken über Gott und die Welt.

Was glauben wir denn?

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Die Diskussion um Kirchenaustritte ist wichtig, klammert aber oft den Kern der Frage aus: unseren Glauben. Was glauben wir? Was ist Glauben? Was unterscheidet ihn vom Wissen? Und wie predigen wir unseren Glauben? Und wie gehen wir mit Zweifel um?

Was mir fehlt, ist ein ehrlicher Umgang mit den Inhalten unseres Glaubens und Wissens.

  1. Wir unterscheiden zu wenig Glauben und Wissen.
  2. Wir sind nicht ehrlich in dem Bereich, in dem es um das Wissen und Wissenschaft geht.
  3. Und wir tragen zu oft das Wissen in Bereiche, in denen wir „nur“ glauben können.

Immer noch herrscht der Irrglaube vor, in der Wissenschaft würde irgendetwas bewiesen. Richtig ist hingegen: In der Wissenschaft werden Theorien aufgestellt, die die Realität möglichst gut beschreiben. Und in der Tat beschreiben viele Theorien die Realität in einer sehr guten und sehr exakten Weise. Aber es bleiben Theorien. Denn zur Wissenschaft gehört untrennbar der wissenschaftliche Zweifel: Richard P. Feynman nannte Wissenschaft ohne diesen Zweifel Cargo-Kult-Wissenschaft, Scheinwissenschaft. Sieht aus wie Wissenschaft, ist es aber nicht. Zu dieser Problematik gehört eine Krise der Wissenschaft hinzu. Wird heute eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben, traut ihr so gut wie niemand mehr zu, dass sie im Sinne Feynmans ehrliche Resultate (gute realitätsnahe Theorien) zustande bringt, sondern nur noch, dass sie die Interessen des Auftraggebers darstellt.

Was hat das mit dem Glauben zu tun? Viele Menschen behaupten, nur noch das glauben zu wollen, was bewiesen sei. Man schaue sich allein Wirksamkeitsstudien in der Medizin an, deren „Erweis“ rein statistisch ist. Wenn in Doppelblindstudien eine signifikant höhere Erfolgsquote erzielt wird, gilt die Medizin als wirksam. Bittesehr: Was ist da genau „bewiesen“?

Wir sollten das auch in unseren Predigten und Bibelarbeiten immer deutlich herausarbeiten: Wissenschaft gibt es nicht ohne den wissenschaftlichen Zweifel – oder es ist keine Wissenschaft mehr.

Richard P. Feynman steht zu diesem Zweifel und bewundert an dieser Stelle den Glauben, der Gewissheit habe. Genau da möchte ich ihm widersprechen. Denn auch zum Glauben gehört der Zweifel. Dabei hat es der Glaube noch schwerer als die Wissenschaft. Denn die Wissenschaft arbeitet „immanent“: mit den Dingen und Zusammenhängen, die man sehen oder messen kann. Wenn wir vom Glauben sprechen, kommt die Transzendenz hinzu. Ich kann mir einen Gott nicht denken, der (nur) immanent ist. Einen immanenten Gott kann ich untersuchen und Theorien bilden, wie es in der Wissenschaft üblich ist. Einen wissenschaftlichen Gegenstand kann ich im Rahmen der Untersuchung manipulieren, vielleicht sogar in Scheibchen schneiden, einfärben, Theorien bilden: Was sollte daran sein, was die Bezeichnung „Gott“ verdient?

„Gott“ ergibt für mich nur dann einen Sinn, wenn damit Transzendenz verbunden ist. Und damit ist Gott der Sphäre des Wissens grundsätzlich entzogen.

Und da liegt ein grundsätzliches Problem der Theologie. Solange sie sich dies nicht klar macht, versucht sie Gott in ihren Dogmen möglichst genau und immer genauer zu beschreiben. Insbesondere die katholische Kirche hat sich auf diese Weise in ein Glaubenssystem eingemauert, das immer stärker im Widerspruch zur erlebten Welt steht, dass dem zurecht immer weniger Menschen Glauben schenken.

Aber auch in der protestantischen Welt wird Glaube zu oft in dieser Weise gepredigt. Im fundamentalistischen Bereich ist man darauf sogar stolz. Man versucht, den transzendenten Gott mit immanenten Mitteln beweisbar oder zumindest plausibel zu machen. Während die Evolutionstheorie ja „nur“ Theorie sei, habe man mit dem Gottglauben etwas Sicheres in der Hand und sei der Wissenschaft überlegen.

Erstens nimmt man dabei die Wissenschaft nicht ernst und zweiten nicht den Glauben.

Was soll das sein, ein sicherer Glaube? Wenn es diesen sicheren Glauben gäbe, gäbe es irgendwo einen immanenten Punkt, an dem ich meinen Glauben aufhängen oder festmachen kann. Aber dann hätte ich immanente Möglichkeiten, Gott zu bewerten oder zu beweisen und ich hätte immanente Fähigkeiten, diese Möglichkeiten zu unterscheiden und ihrerseits zu bewerten, ob sie denn auch wirklich das tun, was sie vorgeben. Im Ergebnis stünde ich „über“ Gott. Was soll das für ein Gott sein, den ich auf diese Weise immanent „bewiesen“ hätte?

Theologisch gedacht: Unser christlicher Glaube führt über das Kreuz. Und nach immanenten Kriterien ist dies die größte Niederlage und der größte Grund zu zweifeln.

Predigen wir das? Treten wir offensiv für diese Erkenntnis ein, sowohl, was den Zweifel in der Wissenschaft betrifft, als auch was den Zweifel im Glauben betrifft?

Angesichts jüngst geäußerter Zweifel von bekannten Musikern aus der Lobpreisszene kam im Gegenteil sofort der zweifelhafte Rat, über Glaubenszweifel möglichst nicht öffentlich zu sprechen. Was soll das?

Für viele Menschen ist der Glaube an die Auferstehung die Lösung. Auch dazu muss man ehrlich sagen: Die Auferstehung ist „unglaublich“. Doch, ich glaube auch daran. Aber es gibt im Bereich der Immanenz nichts, aber auch gar nichts, was dafür spricht. Als Notfallseelsorger habe ich immer wieder mit Notärzten zu tun, die sich die allergrößte Mühe geben, Menschen nach einen Herzstillstand zu reanimieren. Fragt doch mal einen solchen Notarzt, was er davon hält, dass jemand nach drei Tagen ohne Herztätigkeit wieder ins Leben erweckt wird. Nichts.

Nach zweitausend Jahren Christenheit ist manchem Christen die Rede von der Auferstehung so normal geworden, dass uns das Bewusstsein dafür verloren gegangen ist, wie wenig normal Auferstehung ist, wie unglaublich und unbegreiflich.

Ich kann mich Fälle von plötzlichem Kindstod oder von Unfällen mit Kindern erinnern, wo ich so gerne vor den Eltern gesagt hätte: „Im Namen Jesu Christi, steht auf, sei gesund, lebe!“ Aber ich kann es nicht. Trotz allen Glaubens.

Und wir wissen, dass deswegen die Auferstehung in der Bibel auch so „verschwommen“ beschrieben wird. Der Auferstandene wird nicht erkannt. Oder er wird an Dingen wie dem Brotbrechen erkannt, was doch nun wirklich keinen direkten Beweiswert hat.

Für mich persönlich hat dies zur Erkenntnis geführt, gläubiger Agnostiker zu sein. Und ich glaube, dass dies die einzige ehrliche Möglichkeit zu glauben ist. Auf der Ebene all dessen, was ich wissen kann, kann ich bei allen transzendenten Aussagen nur sagen: Ich weiß es nicht. Und ich muss damit leben, dass ich es nicht weiß.

Aber ich glaube. Ich kann trotz allem wissenschaftlichen und glaubensmäßigen Zweifel nicht vom Glauben lassen. Glaube gilt in der Theologie als ein Geschenk. Und ich weiß nicht, warum ich ihn geschenkt bekommen habe. Damals, als ich konfirmiert wurde, war ich mir meines Glaubens nicht sicher und habe mich nur nicht getraut, darüber zu sprechen. Inzwischen bin ich dankbar, dass ich mich damals habe konfirmieren lassen. Denn es hätte niemals in meinem Leben den Punkt gegeben, an dem ich nach immanenten Kriterien sicher gewesen wäre.

Aber dann kam das Theologiestudium. Da habe ich eine Menge gelernt, was man wissen kann. Zum Beispiel, wie diskursiv das Judentum ist. Wie intensiv im Talmud über den Glauben diskutiert wurde, im Pro und Kontra. Wie man sich im Judentum weigert, über Eigenschaften Gottes zu diskutieren und an dieser Stelle schweigt. Und wie weise diese Entscheidung war, damals oft angesichts von figürlichen Gottesdarstellungen und -statuen.

Da habe ich auch gelernt, wie vielschichtig die Bibel ist, widersprüchlich, nicht perfekt.

Gerade sehr fromme Menschen weisen auf Bibelverse hin, in denen vor der Philosophie gewarnt wird, menschliche Klugheit könne gegen Gott und den Glauben nichts ausrichten (Kol 2,8). Aber wenn es um die Unfehlbarkeit der Bibel geht, merken sie nicht, wie sie philosophischem Denken auf den Leim gegangen sind nach dem Motto: Gott muss als unfehlbar und allmächtig gedacht werden. Wenn Gott so ist, muss auch ein Buch, das er herausgibt, unfehlbar und widerspruchsfrei sein. Und so machen sie sich die Bibel dann passend. Keiner hat Gott gefragt, ob er die Bibel unfehlbar und widerspruchsfrei herausgeben wollte.

Wenn ich mir die Bibel anschaue, und wenn ich davon ausgehe, dass es Gott irgendwie gibt, dann hat er allem Anschein nach nicht die Absicht gehabt, die Bibel unfehlbar und widerspruchsfrei herauszugeben.

In der Theologie habe ich dann den Slogan vom „Gotteswort im Menschenwort“ kennengelernt. Und ich habe die kritische Theologie lange Zeit so kennen gelernt, dass sie versuchte, aus all dem Menschenwort das Gotteswort „herauszudestillieren“. Aber heraus kam immer nur das, was der jeweiligen Destillationstemperatur entsprach: Stellte man die „Temperatur“ auf „revolutionär“, bekam man einen revolutionären Jesus und einen revolutionären Gott. Man konnte die Temperatur auch auf „sozialkritisch“ stellen, als „Wanderprediger“ oder sonst irgendwas. Was unbequem war, konnte man schnell als „zeitbedingt“ abtun oder als „Gemeindebildung“. Übrig blieben dann echte Gottesworte, mit denen man Schöpfungstheologie oder sonst Wichtiges begründen konnte. Und selbst jetzt noch soll es NT-Programme geben, in denen Neutestamentler mit Mehrheitsentscheidung beschließen, welche Verse auf Jesus zurückgehen und welche nicht. Darum bin ich sehr empfindlich, wenn ich diesen Slogan vom „Gotteswort im Menschenwort“ höre.

Dabei kann man ihn auch so verstehen, dass wir Gottes Wort nur so haben, wie wir es haben: Ohne Urschriften. Nur in divergierenden Abschriften. In unterschiedlichem Umfang (mit oder ohne biblische Apokryphen). In unterschiedlichen Übersetzungen unterschiedlicher Qualität. Von Menschen gemacht. In unterschiedlichen Auslegungen. All das ist als Bibel Wort Gottes und Richtschnur für unser Leben. Aber nicht als eine Art Pfadfinderhandbuch (da schlägt man für eine bestimmte Lebenssituation die richtige Seite auf. Wenn man dann genau nach Anleitung verfährt, hat man sich sicher richtig verhalten), sondern als ein Buch, das zu Freiheit und Verantwortung anleitet und manchmal sogar zum Widerspruch. Wie bei Abraham: „Lieber Gott, wenn es 50 Gerechte in der Stadt gibt, kannst Du sie doch nicht im Ernst vernichten wollen!“ Oder: „Auch die Hunde essen doch von dem, was vom Tisch fällt!“

Und wenn es hundert Bibelverse gibt, die ein bestimmtes Verhalten nahe legen: Wenn das Verhalten jetzt in dieser Situation falsch ist, dann ist es dennoch falsch. Gott, wenn es ihn gibt, wird es mir unter die Nase reiben. Und wenn ich dann sage, „aber es gab doch all diese Verse“, dann wird er mich an den alten Elternspruch erinnern: „Und wenn dein Freund sagt, spring von der Brücke, springst Du dann auch von der Brücke?“ Na also!

Ich kann das jetzt nicht ausführen, was mir an meinem Glauben so gefällt: Gott, der Niederlagen kennt. Und von dem ich leidenden Eltern, wenn sie mich fragen sollten, sagen kann: Gott weiß, was Sie empfinden, denn er hat es auch erlebt.

Ich kann einen Glauben predigen, der keine Garantie vor Schicksalsschlägen bietet, aber davon spricht, dass wir trotzdem getragen sind. Beweisen kann ich es nicht. Ich weiß nicht mal, ob ich dann noch glauben kann, wenn meinen eigenen Kindern etwas von dem passiert, bei dem ich als Notfallseelsorger anderen Eltern beistehe. Und ich hoffe, dass mein Glaube niemals auf diese Weise auf die Probe gestellt wird. Auch um meiner Kinder willen.

Aber ich weiß, was vielen Menschen den Glauben verleidet: dass „wir“ ihn zu oft mit Sollbruchstellen predigen. Ich zucke in Kindergottesdiensten zusammen, wenn der sinkende Petrus mit einer Inbrunst so gepredigt wird, dass er mit dem richtigen Glauben nicht untergegangen wäre. Ist uns klar, dass wir mit solcher Predigt Sollbruchstellen in den Glauben unserer Kinder einbauen? Und dass das irgendwann einmal Einfluss auf Kirchenaustrittszahlen haben wird?

Wie vielen von den älteren Christen ist beigebracht worden, dass das Christentum in der Evolution der Religionen die beste und moralischste und höchste sei? Kein Wunder, dass die Austrittszahlen hochspringen angesichts von sexuellem Missbrauch!

Wie oft haben wir davon gepredigt oder noch Predigten gehört, wie toll es damals in der Urgemeinde war? Und dann ging es nur noch bergab. Aber wenn wir wieder so toll wären wie in der Urgemeinde und deren Glauben hätten, dann …! Haben wir die Bibel nicht gelesen, wie die gezankt haben wie die Kesselflicker, auch in zentralen Glaubensfragen? Und was für windige Gesellen die zwölf Apostel waren?

Warum predigen wir so wenig davon, wie sehr und wie sich die Gemeinden des Alten und Neuen Testaments mit dem Glauben der Umwelt auseinandergesetzt haben? Warum z.B. Sonne und Mond in der Urgeschichte nur „das große Licht und das kleine Licht“ genannt werden? Warum nicht nur der König Ebenbild Gottes ist, sondern jeder Mensch, gleichberechtigt männlich wie weiblich (und dass damit keine abschließende Aufzählung verbunden ist, sondern eher eine inklusive Aufzählung)?
Es gibt in der Bibel im Gespräch mit ihr so viel zu entdecken. Wenn man mich fragt: so viel Freiheit und so viel Aufruf zu eigener und gesellschaftlicher Verantwortung. Soviel Aufruf, auch mit Gott zu ringen – und sich zugleich demütig auf ihn einzulassen.

Und sich auf den Zweifel einzulassen, vielleicht wie Dietrich Bonhoeffer in jenem bekannten Text „Wer bin ich?
Die vielen soziologischen Diskussionen darüber, wie man auf die Kirchenaustritte reagiert, sind sicher wichtig. Aber wir dürfen auch den Kern nicht vergessen: unseren (bibeltreuen) Glauben.
Lassen wir uns auf die Bibel ein – so wie sie ist? Predigen wir im Gespräch mit der Bibel – so wie sie ist? Und was bedeutet das für unseren Glauben? Oder haben wir eine Dogmatik im Hinterkopf, wie man auch „schon immer“ gepredigt hat, dass die Bibel sein müsste, und predigen wir diese Dogmatik? Und wehe dem, der davon abweicht?

Wo lassen wir uns jeweils auf diese Dogmatik ein, ohne uns dessen noch bewusst zu sein? Wo bauen wir darum die Sollbruchstellen im Glauben unserer Gemeindeglieder ein? Und in unseren eigenen Glauben? Wo stehen wir zu Zweifel und wo sind wir Vorbild, mit diesem Zweifel umzugehen?

Manchmal sage ich: „Wenn ich nicht mehr zweifele, dann bin ich tot.“ Solange ich lebe, werde ich zweifeln. Aber möglichst lange werde ich von meinem Glauben erzählen, der mir bisher trotz des Zweifels geschenkt ist. Und ich habe das Gefühl, dass dieses Erzählen weniger Sollbruchstellen hervorruft.
Wenn wir über Kirchenaustritte reden, lasst uns auch über Glauben und Zweifeln und solche Sollbruchstellen reden und lasst uns ehrlich bleiben angesichts dessen, was jedem von uns im Leben passieren kann.

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