Seid barmherzig!

Gedanken zur „Jahreslosung“ 2021 aus Lukas 6,36
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Gedanken zur Jahreslosung 2021

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Lukas 6,36

Ein Wort für alle?
Ein Wort zunächst nur für Fromme.
Fromme Menschen nehmen Gott besonders ernst. Gott und seine Gebote. Wie soll man richtig leben? Was tut eine gut?

Da könnte man bei Gott eine ganze Menge lernen. Bis zum letzten i-Punkt. Alles bis ins kleinste geregelt. Einfach nur machen, und alles wird gut.

Aber so einfach ist das nicht. Niemand kann alles richtig machen. Dazu ist das Lenen viel zu komplex. Jeder Mensch macht Fehler. Überhaupt gibt es das Leben nur, weil es auch Fehler gibt. Sagt Lesch, und er hat recht. Ohne Barmherzigkeit wären wir da aufgeschmissen.

Gott, ďer uns geschaffen hat, hat uns genau so geschaffen: lebend. Lernend. Ausprobieren. Fehler machend. Gott kennt uns – und ist barmherzig.

Das tut Gott manchmal ganz schön weh, bei all dem, was wir so verzapfen. Aber er bleibt barmherzig.

Ich muss an jenen Menschen aus dem Wachdienst meiner Kaserne denken.
„Salam aleikum“, beginnt einer von uns beiden. Und der andere antwortet mit: „aleikum salam“. Und ich weiß, dass er fünfmal am Tag zu „Gott dem Barmherzigen“ betet. Unter den 99 muslimischen Gottesnamen der vornehmste. Wenn wir nicht sprechen können oder zu weit entfernt sind, führen wir die Hand aufs Herz. Friede sie mir Dir. Und mit Dir. Gott ist ein barmherziger Gott. Mit tut das gut.

Darf ich das? Sind „sein“ Allah und „mein“ christlicher Gott identisch? Der Mathematiker in mir weiß: Wenn es nur einen Gott gibt, und er glaubt an den einen Gott und ich glaube an den einen Gott, dann müssen wir beide an den identischen Gott glauben. Aber Gott ist ist Gott. Er sieht ihn anders, als ich ihn sehe. Aber beide sehen wir ihn als den barmherzigen Gott.

Fromme Menschen können manchmal so abgrenzend, so unbarmherzig sein. So überheblich über Menschen ohne religiösen Glauben oder anderem Glauben. Dabei findet sich auch dort viel Weisheit und das Bemühen, möglichst heil und friedlich durch das Unheil der Welt zu kommen.

Dementsprechend beginnt die Bibel universell. Die antiken Herrscher hielten sich selbst gerne für Stellvertreter Gottes. Ebenbild von Gott „Sonne“ wollte der König von Babylon sein. Und hatte Angst vor Gott „Mond“ in der Nacht. „Keine Götter“, so beginnt die Bibel, sondern einfach „Lampen am Himmel“. Und Ebenbild Gottes ist jeder Mensch. Männlich wie weiblich, das ist egal. Wenn du an Gott glaubst, dann ist jeder Mensch sein Stellvertreter. Egal ob babylonisch, assyrisch oder jüdisch. Ob muslimisch, christlich, hinduistisch oder atheistisch.

Was bedeutet es, sein Stellvertreter zu sein? Es heißt: Verantwortung zu haben. Es heißt: Selber entscheiden zu müssen. Es bedeutet, dass die Bibel nicht einfach ein Rezeptbuch ist, das einem jede Entscheidung abnimmt. „Lieber Gott, da in der Bibel steht doch, da kann ich mich doch jetzt nicht falsch verhalten haben?“ Doch, kannst Du. Du kannst falsche Entscheidungen treffen. Das gehört dazu, wenn man Mensch ist. Ohne Fehler kein Leben. Und Gott bleibt ein gnädiger Gott. Und er leitet an, auch gegenüber anderen barmherzig zu bleiben, die sich ebenfalls falsch verhalten haben. Die anders glauben. Damit wir miteinander leben können.

Seid barmherzig. Ich hoffe, dass auch Nichtfromme sie diesem Gedanken anschließen können.

Wir müssen uns nicht alles gefallen lassen. Man soll sich auch nicht auf dem Kopf herum tanzen lassen. Manchmal muss man auch auf den Tisch hauen. Manchmal hauen die anderen auf den Tisch. Seid barmherzig. Dann kann man sich gemeinsam an den Tisch setzen.

Ich wünsche ein friedliches 2021. Dass wir am Ende gemeinsam an unserem Tischen sitzen. Nicht nur im Freien. Auch in den Schulen. In den Heimen, an den Arbeitsplätzen.

Und dass wir Gas geben im Blick auf den Klimawandel, im Blick auf Gerechtigkeit in der Welt. Denn auch wenn Gott ein barmherziger Gott ist: Die Folgen des Klimawandels werden wir selber ausbaden. Der Klimawandel ist da anders als der barmherzige Gott. Klimawandel ist stürmisch und unbarmherzig. Man darf das nicht verwechseln.

„Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“

Gedanken zur „Jahreslosung“ 2021 aus Lukas 6,36
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Gedanken zur Jahreslosung 2020

„Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“ Markus 9,24

Seit dem 16. Juni 2020 bin ich Militärpfarrer am Standort Mayen.

Meine Evangelischen Kirche im Rheinland hat mich für diesen Dienst freigestellt. Ich bin aber froh, immer noch zu meiner Landeskirche zu gehören, in der ich zuletzt im Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel als „Pfarrer mit Besonderem Auftrag“ in der Altenheim- und Krankenhausseelsorge tätig war.

Die Zeit als Notfallseelsorger im Kriseninterventionsdienst-Team des DRK prägte mich ebenso wie die Aufgabe Sternenkinder zu beerdigen: Kinder, die tot auf die Welt gekommen sind. Unsere Welt ist manchmal ziemlich brutal – auch wenn ich das Privileg genieße, in einer Ecke der Erde zu leben, die seit Jahrzehnten von Wohlstand und Frieden geprägt ist. Für mich bedeutet es, dass ich versuche, dankbar aber auch ehrlich zu predigen – nun auch in der Militärseelsorge.

„Ich glaube!“ Das tun heute viele. Und sie glauben viel zu viel. Glauben ist gar nicht so schwer. Einfach liken und weiterschicken.
Aber kritisch hinterfragen? Nicht sofort weiterschicken, sondern erst einmal kontrollieren, ob die Quelle glaubwürdig ist? Nicht alles für bare Münze nehmen? Was mag dieser Vater des „besessenen“ Jungen nicht alles ausprobiert haben? Wer mag ihm nicht schon alles versprochen haben, er könne seinen Sohn heilen? „Ich glaube doch!“, schreit der Vater. „Den anderen habe ich doch auch geglaubt. Mein Sohn ist immer noch krank. Meine Zweifel gehören zu mir. Du kannst meinem Sohn nur helfen, wenn du mich so nimmst, wie ich bin. Mein Glaube gehört zu mir! Hilf auch meinem Unglauben!“
So lautet einer meiner Versuche, die Jahreslosung zu lesen. Wenn wir alles für bare Münze nehmen, wenn wir uns kritiklos ein X für ein U vormachen lassen, geben wir die Verantwortung ab an irgendwen. Wir übernehmen sie dann jedenfalls nicht mehr. Richard P. Feynman, der großartige Physik-Nobelpreisträger und unbestechliche Wissenschaftler, legte großen Wert darauf, dass es Wissenschaft ohne Zweifel nicht gibt. Und er bewunderte den Glauben, der seiner Meinung nach ohne Zweifel auskäme. Ich möchte ihm widersprechen. Auch der Glaube kommt nicht ohne den Zweifel aus. Nichts an Gott kann ich wissen. Es gibt keinen archimedischen Punkt, von dem aus ich über Gott Sicherheit bekommen kann. Und wenn ich mir besonders sicher scheine, kann ich von Gott besonders weit entfernt sein. Glaube gibt es nicht ohne den Zweifel.
„Hilf meinem Unglauben!“ Dieser Vater hatte etwas begriffen. Wie sein Sohn gesund geworden ist: Ich weiß es nicht. Ich muss das auch nicht wissen. Ich freue mich für die beiden. Und verliere hoffentlich meinen Glauben auch im Auslandseinsatz nicht. „Hilf meinem Unglauben!“

Bernd Kehren,
Militärpfarrer