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Warum misstraut man den Organspendern?

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Warum misstraut man den Organspendern?

Zu meinem Beitrag im Kölner Stadtanzeiger vom 11.02.2014
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Ich möchte nicht missverstanden werden:
Für mich ist die Organspende ein Werk der Barmherzigkeit.

Ich verstehe nur nicht, warum mit den vielen Details zur Organspende nicht offen und ehrlich umgegangen wird. Krankenkassen, Politik, Organspendeorganisationen enthalten uns viele Informationen vor. Wir müssen denen blind vertrauen. Aber sie misstrauen uns, sonst würden sie uns besser informieren.

 

Darum verstehe ich meinen Beitrag als Aufruf, uns Spenderinnen und Spendern umfassend alle nötigen Informationen zu jedem Organ und zu jedem Gewebe mindestens so zu Verfügung zu stellen, wie es bei jedem anderen operativen Eingriff in unseren Körper auch erfolgt. “Mindestens”: Die Organspende ist so sensibel, dass in diesem Fall die Informationen besonders sorgfältig und umfassend sein müssen.

Für Menschen mit schwachen Nerven kann diese Information ja durchaus abgestuft erfolgen. Nicht alle wollen alles wissen. Nicht allen muss alles zugemutet werden. Aber jeder muss das Gefühl haben: “Es gibt keine Geheimnisse. Wenn ich will, kann ich mit wenigen Klicks Zugang zu allen Details bekommen.”

Aber in dieser Geheimnistuerei, in diesem Misstrauen uns Spendern gegenüber sehe ich die wichtigste Ursache dafür, dass so viele zögern, einen Organspendeausweis auszufüllen.

 

Meine zweite Frage bezieht sich auf die Diskrepanz zwischen der Feststellung des Hirntods und dem, was wir sonst Sterbeprozess nennen.

Nicht nur in der Hopizarbeit haben wir doch begriffen, dass Sterben ein Prozess ist mit vielen Zwischenstufen, dessen Ende nicht wirklich exakt bestimmt werden kann. Wenn die sicheren Totenzeichen mit Leichenstarre und Totenflecken eingetreten sind, ist man irgendwo am Ende dieses Prozesses angekommen. Nach meinem Verständnis ist dies auch bei der Organspende so.

Für den Operateur ist es gefühlsmäßig und juristisch absolut wichtig, dass der Organspender nicht durch ihn zu Tode kommt. Das hat zu der juristischen Feststellung des Hirntodes geführt. Biologisch und vom äußeren Anschein jedoch kann auch die Feststellung des Hirntodes nur ein kurzer Augenblick im Sterbeprozess sein. Hinter den Hirntod gibt es kein zurück mehr ins Leben. Zugunsten des Organempfängers muss nun der Sterbeprozess mit hohem intensivmedizinischem Aufwand aufgehalten werden. Ohne diese Intensivmedizin würde der Körper aufhören zu atmen und es würde nicht lange dauern, bis die bekannten eindeutigen Todeszeichen eintreten. Die Organe und Gewebe wären unbrauchbar. Nach der Organentnahme nimmt der Sterbeprozess dann einen extrem rapiden Verlauf. Aber er ist in keinem Fall mit dem Formalakt der Hirntod-Festellung abgeschlossen.

Auch über diese Differenz müsste meiner Ansicht nach offen gesprochen werden. Und sie müsste zu einer ehrlichen Gesetzessprache führen, die dem rechtlichen Bedürfnis der Operateure und OP-Pfleger entgegen kommt, die dem Überlebenswillen der Empfänger entspricht, und die mit dem biologischen und sichtbaren Verlauf der Organspende übereinstimmt.

Hinter den Hirntod gibt es keinen Weg zurück. Aber der Weg ist mit dem Hirntod auch noch nicht ganz zu Ende gegangen. Ehrlichkeit auch in dieser Hinsicht wäre ein vertrauensbildendes Signal, das m.E. die Spendebereitschaft vergrößern würde.

Bernd Kehren, 11.02.2014

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