Der TheoPoint

Gedanken über Gott und die Welt

Überwinde das Böse mit Gutem

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13.07.2014 – 10:00
Dietrich-Bonhoeffer-Haus, Swisttal-Odendorf
Gottesdienst zum
4. Sonntag nach Trinitatis (VI) Röm 12,17-21

Wochenspruch:
Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Galater 6,2

Eingangslied
EG 671 Unfriede herrscht auf der Erde

Liturgische Begrüßung

“Vergeltet nicht Böses mit Bösem, überwinde das Böse mit Gutem!” –
Geht es Ihnen auch so wie mir? Man freut sich über die Erfolge auf der Fußball-Weltmeisterschaft – und dann bleibt einem die Freude im Halse stecken, wenn man von den Raketen in Israel hört, von Toten und Verletzten. Und dann diese Nacht Raketen auf Städte in Israel, Jerusalem, auf den Flugplatz in Tel Aviv, Abwehrraketen, zum Glück nur Verletzte, Raketen auf Gaza, mehr als 56 Tote dort, Israel ist mit ersten Bodentruppen in Gaza.
Dazu schlimme Nachrichten aus der Ost-Ukraine.
Irgendwie kommt dieser Gottesdienst heute zu spät.
Soll ich heute meine Stola ablegen? Ist sie zu bunt? Oder soll ich sie anbehalten als Zeichen dafür, dass Gottes Liebe trotz allem grenzenlos bleibt?
Gerade wegen der Entwicklung in der Welt möchte ich stellvertretend als Sündenbekenntnis gleich ein Gebet für Israel / Palästina lesen.

Psalm EG 709.2
Ps 22,23.24a.25-29.32

Ehr sei dem Vater …

Gebet für Israel / Palästina
Du Gott des Friedens:
Wir alle leben davon,
dass du unsere Bosheit
nicht mit Bösem vergiltst,
und an die Stelle von Rache
dein barmherziges Recht setzt.
Du bist Anwalt der Schwachen,
weist die Starken in Grenzen
und schaffst Versöhnung.
An dich wenden wir uns,
ratlos und empört
angesichts der neuen Welle von Gewalt
im Nahen Osten.
Wir können die Trauer ganz Israels
über den Mord an drei Schülern verstehen.
Wir teilen den Zorn der Palästinenser
über den grausamen Rachemord.
Aber die Hassparolen auf beiden Seiten,
die Bereitschaft zu Gewalt
und der Ruf nach weiterer Vergeltung
wecken die Sorge um die Zukunft
der ganzen Region.
Nach unserem Ermessen
gibt es kaum noch Möglichkeiten
der Versöhnung,
und wir fürchten die Folgen eines Flächenbrandes
auch für uns.
Gott, bewahre uns davor,
uns in den Konflikt hineinziehen zu lassen,
einseitig Schuld zuzuweisen,
und die Verletzungen und Ängste
der anderen Seite
nicht anzuerkennen.
Wir haben keine tauglichen Rezepte.
Deshalb bitten wir dich:
Schaffe du Frieden
für Israel und Palästina,
und für die angrenzenden Staaten.
Heile die Wunden,
die Hass und Gewalt geschlagen haben
und führe die Menschen zusammen
in Respekt füreinander
und im Geist der Versöhnung.
Sylvia Bukowski, 7. Juli 2014
http://www.reformiert-info.de/13278-0-12-2.html

Kyrie-Gesang
EG 600 Meine engen Grenzen

Zuspruch
Gott kennt unsere Grenzen, und Ohnmacht und unsere Sehnsucht. Seine Liebe ist der Schlüssel, dass wir auf sein Erbarmen vertrauen und uns auch in Schwierigkeiten stark und frei fühlen dürfen. Bei ihm sind wir zu Hause – auch in Angst um das, was in der Welt geschieht. Gott ist der Gott aller Menschen.

Ehre sei Gott in der Höhe

Kollektengebet
Gott voll Barmherzigkeit und Liebe,
hilf, dass auch wir barmherzig sind und die ertragen, die du erträgst.
Gib, dass wir einander verstehen lernen.
Durch Jesus Christus, unsern Herrn.
(EG zum 4. S.n.Tr.)

Evangelium: Lk 6,36-42

Halleluja
Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken *
und lobsingen deinem Namen, du Höchster.
Psalm 92,2 Halleluja.

Glaubensbekenntnis

Lied
EG RWL 665 Liebe ist nicht nur ein Wort

Predigt
Römer 12, 17-21
17  Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.  Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so  habt mit allen Menschen Frieden.
19  Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
20 Vielmehr,  »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).
21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Liebe Gemeinde,

leichter gesagt als getan.

Wenn man uns fragte, wie konfliktfähig wir sind, die meisten von uns würden sich wohl bescheinigen, dass wir eine ganze Menge aushalten können, und dass wir nicht besonders nachtragend sind.

Aber gibt es nicht irgendwie in jeder Familie Konflikte, die irgendwann einmal jemand unter den Teppich gekehrt hat, an die man nicht wirklich heran kommt?

Ich gestehe, ich kenne so etwas in der Familie. Ich mache das nicht gerne, aber es gibt so etwas. Menschen, die von der Beerdigung ihrer Geschwister ausgeschlossen wurden, weil es vorher so sehr gekracht hatte, dass man sich nur noch aus dem Weg gehen konnte.
Solche Konflikte haben eine Vorgeschichte. Wie oft hat man dann da gesessen, sich angehört, was der eine der Konfliktpartner über den anderen sagte, und dann auch, was der andere über den einen sagte.
Man kennt beide, man merkt, dass man beide Positionen ein Stück weit nachvollziehen kann, auch wenn man selber die jeweils andere Person so ganz anders kennt. Ja, beide haben ihre Schwächen, man erkennt den anderen in der Kritik durchaus wieder, und trotzdem tut es weh, den anderen so missverstanden zu sehen. Es tut weh, zu sehen, wie beide Seiten leiden. Der Konflikt tut niemandem gut, es gibt nur Opfer, nur Verletzungen. […]
Andere Konflikte sind globaler.

Israel konnte und wollte nicht aufhören, Siedlungen zu bauen. Die Hamas konnte und wollte nicht aufhören, Raketen zu schmuggeln, aufzustellen und abzuschießen.
Dann der grausame Mord an drei Jugendlichen. Dann der grausame Mord an einem Jugendlichen. Eine Verhaftungswelle. Raketen. Hunderte Tote.
Aktivisten und Zivilisten. Aktivisten, die sich hinter Zivilisten versteckten. Israel, das erst anruft und eine leere Rakete schickt, bevor sie ein Haus bombardiert. Eine Hamas, die Zivilisten auffordert, in dieses Haus zu kommen, damit die Israelis es nicht bombardieren können. Aber wenn die Rakete bereits unterwegs ist, wenn man das bemerkt, gibt es viele Tote.
Politiker, die zu Rache aufrufen und denen man hinterher ihre Bemühungen um Mäßigung nicht mehr wirklich abnimmt. Und nun die Eskalation.

Ich muss an den jungen Mose denken, Pflegekind bei der ägyptischen Prinzessin, Terrorist, der den Ägypter erschlägt, der den jüdischen Landsmann bedrängt.
Dem man den Friedenswillen nicht mehr abkauft, als er unter seinesgleichen Streit schlichten will.
Der Böses mit Schlechterem vergolten hatte. Der fliehen musste. Ins Exil. Der dort seine Liebe fand und – nach der Priesterlehre beim heidnischen Schwiegervater – am brennenden Dornbusch auch den jüdischen Jahwe-Glauben kennenlernte.
Den Gott des Alten Testaments, der von so vielen Menschen als Rachegott abgelehnt wird.

Hat er das nicht so oft gesagt: „Mein ist die Rache, spricht der Herr?“ Paulus zitiert hier in seinem Römerbrief 5. Mose 32,35.

Aber was bedeutet die Stelle in ihrem Zusammenhang?

Viele Menschen zu allen Zeiten dachten, dass Gott ein besonders effektiver Rächer ist. Und wenn er das so effektiv kann und tut, dann darf man ihm auch mal zuvor kommen und die Sache in die eigene Hand nehmen.  So haben es dann später oftmals die Christen gemacht. Sie fühlten sich berufen, an Gottes Stelle für ihn zu kämpfen und an seiner Stelle das Schwert in die Hand zu nehmen. Und wir müssen uns immer noch schämen über die Kreuzzüge, über Inquisition, über Kämpfe gegen die Achse des Bösen, über Todesstrafe und vieles mehr.

Denn was ist, wenn es ganz anders gemeint ist? Wenn Gott sagen will: Haltet Euch da raus. Lasst die Rache mal bitte meine Sache sein. Ihr seid viel zu aufgeregt; Ihr seid viel zu parteiisch. Wisst Ihr nicht, dass ich ein gnädiger Gott bin, der den Brudermörder Kain unter seinen Schutz stellte statt auch von ihm das Leben zu fordern?
Rächt euch nicht selbst, so heißt es im Römerbrief.
Paulus zitiert 3. Mose 19,18, und jeder bibelfeste Jude weiß sofort, wie der Vers dort fortgesetzt wird: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; in bin der HERR.“

Rächt Euch nicht, und dann folgt in 3. Mose das Gebot der Nächstenliebe, das uns vor allem aus dem Neuen Testament bekannt ist. Der Nächste, der Volksgenosse ist nicht der Fremde. Aber auch dazu gibt es Anweisungen, und selbst die Feindesliebe kommt in praktischen Anweisungen des Alten Testaments zum Ausdruck.

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.  Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“

Was für Kreisläufe kann man in Gang setzen, wenn man immer nur auf Stärke und Vergeltung setzt?
Was für Kreisläufe kann man in Gang setzen, wenn man auf Versöhnung setzt, ohne seine Sicherheit ganz außer Acht zu lassen?

Der Kreislauf aus abblocken, Siedlungen bauen, täglich sticheln, Wasserzuteilungen kürzen, er hat jedenfalls in die Eskalation geführt. “Anders geht es nicht. Eine andere Sprache verstehen die nicht. Man kann sich doch nicht alles gefallen lassen …”
Immer schneller hat sich die Spirale gedreht. Und diese Nacht hatten wir Krieg, und es sieht so aus, als würde er noch weiter eskalieren.

Unser Bundespräsident wurde gescholten, weil er mehr Engagement in der Welt gefordert hat. Ich bin überzeugt davon, dass es ihm Ernst war, dass bewaffnete Einsätze nur die allerletzte Möglichkeit sein dürfen, die er aber nicht ausschließen wolle. Und ich habe alle seine Äußerungen so verstanden, dass es vor dieser Schwelle viel zu tun gibt. Dass man vorher nicht locker lassen darf, dass man nichts unversucht lassen darf, um zu deeskalieren, um Menschen in die Lage zu versetzen, ihren Hass zu bändigen.

Ist wieder einmal viel zu wenig getan worden? Hätte man doch noch intensiver darauf hinweisen müssen, dass ausgeweiteter Siedlungsbau in die Katastrophe führen wird? Wo stehen wir als Christen? Dürfen wir einstimmen in den Chor derer, die sagen, es hat ja doch keinen Zweck?

Gibt es keine Alternativen?

Ich verfolge seit Jahren das Projekt www.Ferien-vom-Krieg.de
Angefangen hat es mit Kindern und Jugendlichen der verfeindeten Volksgruppen im ehemaligen Jugoslawien, seit einigen Jahren finden auch Ferienprojekte für Jugendliche aus Israel und Palästina statt. Fast alle Teilnehmer haben zum ersten Mal in ihrem Leben die Chance, den Konflikt mit den Augen der Gegner zu sehen. Es kostet sie unendliche Mühen, aus ihren Gebieten auszureisen und ein Visum zu bekommen. Hinterher müssen sie sehr vorsichtig sein wegen der Vorwürfe, sie hätten sich mit den Feinden eingelassen und seien nun Verräter. Aber alle wollen Sie weiter für den Frieden mitarbeiten. Alle können sie nicht aufhören, feurige Kohlen auf das Haupt der Feinde zu sammeln, ihnen Gutes zu tun, um sie so zu beschämen, dass aus Feinden Freunde werden.

Die Kollekten heute kann ich nicht umwidmen, aber ich kann Ihnen die Flyer empfehlen, die ich mitgebracht habe. Gerade eben noch kam über Twitter die Meldung, dass es dem ARD-Korrespondent Markus Rosch gelungen ist, Gaza zu verlassen. Und die Meldung: Die Straßen sind voller Flüchtlinge.

Die Jerusalem Post analysiert heute früh: Es sei ein Irrglaube, Israel könnte die Hama zerschlagen, ebenso wie es ein Irrglaube der Hamas ist, es werde nach der Vernichtung Israels aus den Ruinen ein neues Palästina entstehen. Bis jetzt habe die „eiserne Abwehrkuppel“ der israelischen Abwehrraketen gehalten. Aber das könne keine Option auf Dauer sein. Israel habe die Zahl ziviler Toter auf ein Minimum begrenzen können, so sehr jeder einzelne Tote schmerze. Vielleicht – das ist die Hoffnung – sei die militärische Führung der Hamas jetzt so geschwächt, dass sich die zivilen Palästinenser in den nächsten Wahlen für eine weniger gewaltbereite Regierung entschließen. Aber zu engagierten Friedensbemühungen gebe es keine Alternative.

Liebe Gemeinde, mir scheint, selten war ein Predigttext so aktuell. Selten waren seine Mahnungen so wertvoll. In der großen Politik wie im menschlichen Miteinander. Sind die Tischtücher erst zerschnitten, wird es unendlich schwer, sie wieder zusammen zu nähen. Es bleiben Wunden und Verletzungen. Um so wichtiger ist es, Böses mit Gutem zu überwinden. Hass auf Israel bringt gar nichts. Hass auf die Hamas auch nichts.

Ganz ehrlich: Ich kann jeden verstehen, der nach den Demütigungen der letzten Jahre und Jahrzehnte auf Gewalt nicht verzichten mag.
Und trotzdem führt dieser Weg immer in die Katastrophe. Es war noch nie anders.

Aber in all den Konflikten, in denen man den Betreffenden echte Perspektiven anbieten konnte, konnten auch die Konflikte überwunden werden. Nordirland, Baskenland, in Deutschland die RAF, Südafrika die Apartheid, Martin Luther King in den USA: Es hat sich gelohnt, nichts unversucht zu lassen.

Es lohnt sich, wenn wir nicht locker lassen und immer wieder fragen: Haben wir unseren Gegnern schon genug Gutes getan? Hat Deutschland sich schon genug für Frieden engagiert – oder immer nur für den eigenen Wohlstand? Was kann man noch für Frieden tun?

Und letztlich unser Gott: Was wäre, wenn er sagen würde, es hat doch keinen Zweck mehr…

Aber er sagt: Es hat immer noch Zweck, mit Liebe auf Hass zu antworten. Versucht es. Es ist für ihn ebenso mühsam wie für uns. Aber er lässt nicht locker.

Darum sollten wir uns einsetzen. Im Privaten – da gibt es für jeden genug zu tun, angefangen von der Erziehung unserer Kinder und Enkel: Können sie von uns lernen, wie man Gegner und Feinde liebt und ihnen Gutes tut?

Über unsere öffentlichen Äußerungen, wenn wir die Nachrichten hören, bis zu den Wahlen: Wählen wir Parteien, die zuverlässig für Deeskalation eintreten oder solche, die lieber die Zügel schleifen lassen, bis alles zu spät ist?

Überlassen wir die Rache lieber Gott. Er kennt auch die andere Seite. Und wenn Gott den anderen lieber in den Arm nimmt, um auch ihn zu trösten, werden wir nicht böse. Denn auch wir können nur deswegen leben, weil Gott auch uns in den Arm nimmt. Immer wieder neu.

Lied
EG 666 Selig seid Ihr

Meditation zum Abendmahl
„Du bereitest einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“, so heißt es in Psalm 23.
Die Raketen fliegen, aber Du lässt dich nicht abbringen, deckst den Tisch, lädst mich ein ebenso wie die, mit denen ich streite.
Wir sollen zu Besinnung kommen, wir sollen unsere Kriegsbeile begraben, wir sollen merken, dass wir alle als Menschen Deine Ebenbilder sind.
Wir sollen merken, dass wir alle Menschen sind.
Manchmal fällt es uns schwer angesichts unserer Wut und unserer Trauer, dass wir uns auf Deine Einladung einladen. Trotzdem wollen wir Dich loben und preisen mit allen Völkern – gerade auch wenn einige jetzt noch verfeindet sind…

Dankgebet
Auch in Krieg und Not können wir Dich preisen, Gott, denn Du lädst uns ein an deinen Tisch. Hab Dank, dass wir dort auch unsere Gegner finden. Du hast sie eingeladen. Hab Dank, dass du nicht zulässt, dass wir Feinde bleiben.
Hab Dank, dass Du nicht Hass predigst, sondern Liebe.
Hab Dank, dass wir an deinen Tisch kommen dürfen.

Abendmahl

Joh 20,21
Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

LIed
EG RWL 678 Wir beten für den Frieden

Segen

Das Licht der Vergebung erhelle uns den Weg,
der Baum des Friedens gebe uns den Schatten,
die Welle der Liebe trage uns über das Meer,
die Kraft der Verwurzelung lasse uns beweglich sein.
Gottes Segen fließe durch unsere Hände und Füße,
damit wir, von Gott gesegnet,
für andere ein Segen sind.
(aus benno 2003, Segensworte für das ganze Leben, S. 181)

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