Der TheoPoint

Gedanken über Gott und die Welt

Pfingsten waren die JüngerInnen nicht ängstlich

| Keine Kommentare

War Pfingsten ein Aufbruch von Angsthasen, wie man es immer wieder in Andachten und Kommentaren zum Pfingstfest lesen kann?

Warum die Jüngerinnen und Jünger voller Erwartung waren und was Christinnen und Christen vom Judentum lernen können.
Meine Pfingstpredigt zu Apostelgeschichte 2 und (kurz) zu Römer 8 vom 19.05.2002, Pfingsten 2014 neu eingestellt:


Welche Vorstellung haben wir von den Jüngern, wie sie da im Hause sitzen?
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich hatte bis zur Kindergottesdiensttagung um Himmelfahrt den Text mit dem ungläubigen Thomas aus dem Johannesevangelium vor Augen.

„Die Jünger waren beisammen und hatten aus Angst vor den führenden Juden die Türen abgeschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: »Frieden sei mit euch!«“

Vor meinem inneren Auge sitzen ängstliche Jünger, die sich gegenseitig anstarren, wie sie voller Angst zittern. Sonst machen sie nichts.

Aber mit den inneren Augen ist es wie mit den richtigen Augen: Manchmal sind sie arg kurzsichtig.

Auf der KiGo-Helfer-Tagung in Duisburg gab es Bibelarbeiten zur Pfingstgeschichte, und eine davon wurde von Sasja Martel gehalten. Sasja ist Jüdin und leitet ein Lehrhaus in der Nähe von Amsterdam.

Für manchen Juden ist unser Neues Testament das bedeutungsloseste, was man sich vorstellen kann. Andere, und dazu gehörten ihre Lehrer Aschkenasi, Flusser und Safrai, haben das NT als ein jüdisches Buch schätzen gelernt. Sie glauben zwar immer noch nicht, dass Jesus der Messias ist, aber sie entdecken darin so viel aus ihrer eigenen jüdischen Religion.

Ostern und das Pessach-Fest gehören einfach zusammen. Und fünfzig Tage nach dem Pessachfest liegt das Wochenfest, das Schawout-Fest, das unserem Pfingsten entspricht. “Pfingsten” bedeutet hat auch nur “50”, nämlich 50 Tage nach Ostern, 50 Tage nach Pessach.

Was machen fromme Juden fünfzig Tage nach Ostern? Sasja Martel erklärte es uns so:

Pessach, zum Passafest, denken die Juden daran, wie sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurden. Aber es ist gar nicht so einfach, in Freiheit zu leben. Wirklich frei zu sein, wirklich in allem frei entscheiden zu können, das muss man lernen.

Und wirklich frei entscheiden zu können, das bedeutet, Ebenbild Gottes zu sein. Wir sind von Gott geschaffen, um frei entscheiden zu können. Einfach ist das nicht. Die Juden sagen, 40 Jahre lang mussten sie es lernen, 40 Jahre lang sind sie deswegen durch die Wüste gezogen. Und am Schawout-Fest, am Wochenfest, zu unserem Pfingsten, da feiern sie diese Freiheit, die Gott uns allen gegeben hat. So wie wir Adventskalender haben, in denen wir jeden Tag ein Türchen aufmachen und auf Weihnachten zugehen, so zählen die Juden jeden einzelnen der 50 Tage bis Schawout.

Und wodurch wird man frei? Wenn man sich frei entscheiden will, braucht man Tradition, muss man wissen, woher man kommt, muss man seine Geschichte kennen, muss man im Gespräch bleiben mit den Alten, mit den ganz alten Geschichten.

Diese alten Geschichten mit der Tora, dort finden die Juden ein Modell für das Leben, ein Modell dafür, frei zu sein. Die 5 Bücher Mose sind wie Steno, wie eine Kurzfassung alles dessen, was das Leben möglich macht.

Und deswegen ist es so wichtig, die Bibel zu lesen und zu studieren. Nicht so sehr, um die richtigen Antworten zu finden. Die Antwort ist nur für jetzt, aber mit einer guten Frage kann man 50 Jahre lang leben.

Dafür muss man streiten und diskutieren und immer wieder die Bibel studieren.

Dass ist Leben, dass ist frei sein, entscheiden können, das ist Mensch sein.

Es geht nicht darum den anderen zu überzeugen. Jeder soll er selber bleiben. Denn es gibt nicht die Wahrheit. Die Wahrheit entwickelt sich weiter, bis die Erlösung kommt.

Deswegen soll man streiten, aber das Ziel ist das Leben, das Ziel ist es, frei zu sein. Und für dieses Ziel ist für die Juden das Torastudium so ungeheuer wichtig.

Und was hat dies alles mit Pfingsten zu tun? Warum heute dieser lange Ausflug ins Judentum?

Zum Wochenfest, zu Schawuot, zu Pfingsten nehmen sich orthodoxe Juden den ganzen Tag frei zum Torastudium.

Sie beginnen am Abend und lesen und diskutieren die ganze Nacht hindurch, wenn sie es durchhalten. Sie lesen und streiten, denn es geht um das Leben und um die Freiheit.

Und wenn man sich so intensiv um die Tora bemüht, dann geschehen auch schon einmal merkwürdige Dinge.

„Es wird erzählt, dass Rabbi Elieser und Rabbi Joschua einmal im Haus von Abuja zu Gast waren, als dort ein Fest gefeiert wurde. ‚Lasst uns auch Vergnügen haben’, sagten die beiden zueinander, und sie befassten sich mit den Worten der Tora; von der Tora gingen sie zu den Propheten über und von den Propheten zu den Schriften, Und ein Feuer kam vom Himmel herab und umgab sie. Abuja rief erschrocken: ‚Meine Lehrer, seid ihr gekommen, um mein Haus in Brand zu stecken?’ ‚Keineswegs’, sagten sie, ‚aber die Worte erfüllen uns mit der gleichen Freude wie damals, als sie auf dem Berge Sinai offenbart wurden, und damals brannte der Berg bis ins Herz des Himmels.’“

Für eine Jüdin wie Sasja Martel ist völlig klar, was die Jüngerinnen und Jünger damals zu Pfingsten gemacht haben in Jerusalem: Sie haben ihre Torastudien betrieben, sie haben intensiv die Bibel gelesen und sich darüber unterhalten.

Zu Pfingsten wird übrigens die Rolle mit dem Buch Ruth gelesen, die Geschichte der Ausländerin, die nicht-jüdische Frau, die sagt, ‚dein ist mein Gott’, die Geschichte also, die deutlich macht, dass Gott die Freiheit und Erlösung für jeden Menschen will, nicht nur für Juden etwa.

Und für diese Jüdin ist überhaupt nicht verwunderlich, dass an einem solchen Tag der Geist Gottes in dieses Haus des Torastudiums kommt, in dieses Haus, in dem ganz intensiv die Bibel gelesen und diskutiert wird.

Schöpfung, Offenbarung, Erlösung: Mit diesen drei Worten hat Sasja die ganze jüdische Tradition zusammen gefasst.

Gott der Schöpfer, würde ich übertragen, Jesus der, in dem sich Gott uns Menschen offenbart hat, und der Geist, in dem Gottes Erlösung zu uns kommt. So würde ich als Christ die Analogie zu diesen drei Begriffen sehen.

Und in Pfingsten läuft dies zusammen. Gott hat den Menschen als sein Ebenbild geschaffen, als freien Menschen, aber die Menschen konnten mit der Freiheit nicht umgehen. Darum kam am Sinai mit der Tora die Offenbarung, und zu Pfingsten bemühen sich die Juden um das Torastudium, um die Freiheit, um das Leben, kurz: um die Erlösung.

Und so sitzen die Jünger im Haus, und über dem Torastudium kommt der verheißene Geist. Völlig unverwunderlich erleben sie eine Flammenerscheinung, völlig unverwunderlich öffnet sich die Erlösung zu den vielen Menschen und Völkern, wie es schon in der Geschichte der Ruth angedeutet ist.

Genau um diese Freiheit geht es auch im Predigttext aus Röm 8.

Wenn man diese Zusammenhänge mit dem Torastudium und dem Geist und der Erlösung für alle Menschen begriffen hat, dann versteht man auch recht schnell die Verse aus dem Predigttext.

Paulus schreibt:

„Ihr aber seid nicht mehr von eurer eigenen Natur bestimmt, sondern vom Geist. Es will doch etwas besagen, dass der Geist Gottes in euch Wohnung genommen hat! Wer diesen Geist – den Geist von Christus – nicht hat, gehört auch nicht zu ihm. 10 Wenn nun also Christus durch den Geist in euch lebt, dann bedeutet das: Euer Leib ist zwar wegen der Sünde dem Tod verfallen, aber der Geist erfüllt euch mit Leben, weil Christus die Sünde besiegt hat und ihr deshalb bei Gott angenommen seid.“

Pfingsten feiern wir Christen, dass Gottes Geist zu uns gekommen ist, dass er die Erlösung gebracht hat, dass dieser Geist in uns wohnt., dass wir zu Jesus gehören.

Wir leben noch in dieser Welt, in einer Welt, in der es auch Krankheit und Tod noch gibt.

Aber wir feiern Pfingsten: Das Fest des Geistes Gottes, der uns mit Leben erfüllt, der uns die Sünde wegnimmt, der uns frei macht zu einem erfüllten Leben, zu einem Leben gefüllt mit Lernen und Tun. So feiern wir Pfingsten als ein besonderes Fest des Lebens.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.