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Deutsch predigen in der Moschee?

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Deutsch predigen in der Moschee?

Die Wellen schlagen hoch in der Diskussion, ob und wie in Köln Ehrenfeld eine neue Moschee errichtet werden soll. Dabei wird immer wieder auch die Forderung aufgestellt, in den Moscheen in Deutschland solle auch auf Deutsch gepredigt werden.

Einerseits kann ich diese Forderung nachvollziehen. Warum soll nicht nach einem Aufenthalt von mehr als 25 oder 30 Jahren auch der Gottesdienst in einer Moschee in deutscher Sprache gehalten werden? Gehört das nicht zur Integration?

Andererseits kann ich meine Erfahrungen nicht vergessen, die ich während des Vikariats auf Studienfahrt unserer Vikariatsgruppe nach Griechenland gemacht habe.

Wir hatten uns entschlossen, einerseits Kontakte zur griechisch-orthodoxen Kirche zu nutzen und andererseits eine Gruppe von Deutschen Frauen zu besuchen. Es war eine sehr lehrreiche Fahrt.

Die meisten dieser Frauen hatten griechische Männer geheiratet und lebten nun seit vielen Jahren in Griechenland. Dass man Leberwurst vermissen könnte, hätten wir nie gedacht. Aber unter den klimatischen Verhältnissen dort kennt man solch ein Produkt halt nicht. Kann man sich als Ausländerin in einem fremden Land integrieren? Ich glaube, die meisten Frauen dort waren gut integriert. Viele hatten inzwischen die griechische Staatsbürgerschaft. Und dennoch brauchten sie ihre Orte, an denen sie deutsch sprechen und sich austauschen konnten. Dennoch freuten sie sich über jedes Päckchen mit einem aktuellen Roman in deutscher Übersetzung.

Auf der Studienfahrt hatte ich die Planung und Gestaltung des Gottesdienstes in der deutschen Auslandsgemeinde in Thessaloniki übernommen. Die deutsche Pfarrerin war zu diesem Zeitpunkt in Deutschland. Wenn der Gottesdienst nicht auffallen sollte, mussten wir ihn selber halten. Die Kirche: Eine größere Wohnung in der ersten Etage in einer Geschäftsstraße. Ein wenig aufgeregt und ein wenig stolz nahm ich zur Kenntnis, dass der Konsul aus Thessaloniki mit seiner Familie den Gottesdienst besuchte.

Die Predigtsprache war natürlich Deutsch. Erstens kann ich kein Neugriechisch, zweitens sind meine Altgriechisch-Kenntnisse bei weitem nicht so gut, dass ich es aktiv sprechen könnte (und wer hätte es überhaupt verstanden), und drittens halte ich es für selbstverständlich, dass die Gottesdienste in einer Auslandsgemeinde in der jeweiligen Heimatsprache gehalten werden. Warum denn nicht?

Der zweite Gottesdienst, den wir während unserer Fahrt besuchten, war völlig anders. Wir waren zu Gast in einer orthodoxen Gemeinde in einem der Vororte von Thessaloniki. Bescheiden wollten wir uns hinten in die Bank setzen, aber die Gemeinde erwartete uns und geleitete uns in die erste Reihe. Der Gottesdienst war natürlich auf Griechisch gehalten. Aber extra für uns waren Theologie-Dozenten von der Universität aus Thessaloniki gekommen, die die Evangelienlesung auf Deutsch lasen. In einem orthodoxen Gottesdienst in Griechenland! Jede und jeder hatten wir einen deutsch-griechischen Ablauf der Liturgie erhalten.

Der Höhepunkt war das Vaterunser gegen Ende des Gottesdienstes. “Vater unser” erklang es auf Deutsch aus dem Altarbereich hinter der Ikonostase. “Lauter”, rief der Priester, und jetzt begriffen wir: Das Vaterunser sollten wir laut auf Deutsch für die griechische und mit der griechischen Gemeinde sprechen. Es gab keine und keinen aus unserer Gruppe ohne feuchte Augen, als wir beim “Amen” angekommen waren.

Müssen Türken ihre Gottesdienste in Deutschland auf Deutsch halten? Und Araber auf Arabisch?

Ich käme nicht im Entferntesten auf die Idee, dass in der Deutsch-Lutherischen Kirche in Jerusalem der Gottesdienst nicht auf Deutsch gehalten würde – darum habe ich auf der Israelreise damals doch genau diese Kirche aufgesucht.

In den Räumen der Versöhnungskirche in Essen-Rüttenscheid war während meiner Zeit dort als Pfarrer im Probedienst eine koreanische Gemeinde zu Gast. Selbstverständlich wurden ihre Gottesdienste auf koreanisch gehalten. Selbstverständlich war aber auch, dass wir gemeinsame Gottesdienste hielten, etwa zu Heilig Abend oder zum Gemeindefest. Die Predigt wurde entweder zweisprachig gehalten, oder – wenn Pfarrer Kim auf deutsch zu uns predigte – erhielten seine Gemeindeglieder die Predigt gedruckt auf koreanisch. Höhepunkt war immer das gemeinsam gebetete Vaterunser auf Koreanisch und Deutsch.

Als Pfarrer Kim dann die Pfarrstelle der koreanischen Gemeinde in Düsseldorf übernahm, wurde auch dieser Gottesdienst selbstverständlich auf Koreanisch gehalten. Mit einer Übersetzung der Predigt und jener Teile des Gottesdienstes, für die eine Übersetzung vorlag, durch die Kopfhörer der Simultanübersetzungsanlage.

So sollte sich das gehören: Man pflegt die gute Nachbarschaft, und lädt sich immer wieder gegenseitig zu seinen Gottesdiensten ein, auch wenn sie in der eigenen Sprache gehalten werden. Wenn jemand zu Gast im Gottesdienst ist, der dieser Sprache nicht mächtig ist, bemüht man sich im Rahmen der Möglichkeiten um eine Übersetzung, zumindest in Zusammenfassung. Und wenn man unter sich ist, dann bleibt man bei seiner Muttersprache.

Die Gottesdienste der französisch-sprachigen Gemeinde in meinem derzeitigen Kirchenkreis sind – wie der Name schon sagt – auf Französisch.

Gibt es nun einen sachlichen Unterschied zwischen all diesen christlichen Gottesdiensten in christlichen Auslandsgemeinden und muslimischen Auslandsgemeinden?

Könnte man die Zahl und die Größe der Gemeinden anführen? Wie müsste man dann vergleichsweise mit den Japanern in der japanischen “Kolonie” in Düsseldorf umgehen?

Die Forderung nach Integration in das Gastgeberland ist eine Selbstverständlichkeit. Auch für Christen gilt sicherlich die Aufforderung Jeremias aus der “Babylonischen Gefangenschaft” aus Kapitel 29,7: “Suchet der Stadt Bestes!” Selbstverständlich lernt man die Landessprache und kann sich damit verständlich machen, wenn man länger dort wohnt. Selbstverständlich erwartet man, dass sich die Menschen hier um deutsche Sprachkenntnisse bemühen. Selbstverständlich erwartet man von den Gästen in einem Land, dass sie auf Sitten und Gebräuche Rücksicht nehmen und sich entsprechend anpassen. Genauso selbstverständlich wie die Neugier für die Sitten und Gebräuche der Gäste – und wie die Rücksicht der Gastgeber darauf.

Aber genauso selbstverständlich werden Gottesdienste in Auslandsgemeinden egal welcher Religion in der Muttersprache gehalten. Auch dann, wenn die Gäste schon einen einheimischen Pass haben und man sich fragt, ob denn “Gast” noch eine angemessene Bezeichnung ist.

So kenne ich es von den wenigen eigenen Auslandsaufenthalten, so kenne ich es von befreundeten christlichen Auslandsgemeinden hier in Deutschland. Und so sollte es auch für die Gottesdienste der Auslandsgemeinden anderer Religionen gelten.

Die Predigtsprache ist kein sinnvolles Kriterium für erfolgreiche Integration und kann es auch niemals werden.

Bernd Kehren

P.S.:
Gleiches Recht für alle!
Und:
„wir Christen“ sollten dabei mit gutem Beispiel voran gehen –
und nicht schlechten Beispielen nacheifern.

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