Der TheoPoint

Gedanken über Gott und die Welt

Abraham hätte Nein sagen sollen!

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Predigt am 2. April 2017 in der Christuskirche zu Zülpich

Liebe Gemeinde,

der Predigtext heute aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 22 verstört.

Das Opfer Abrahams (Luther 2017)

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.

2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.

4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne.

5 Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.

7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?

8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz

10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.

13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.

 

Liebe Gemeinde,

geht es Ihnen so wie mir?

Am liebsten möchte ich Abraham an den Schultern packen und schütteln:
Was machst Du da?
Das darfst Du nicht!
Auf gar keinen Fall darfst Du Deinen Sohn opfern!

Wenn ich mich in Isaak hinein fühle: Was mag er gedacht haben? Voll Vertrauen, bis das Messer über ihm schwebt?

Heute müsste man davon ausgehen, dass dieses Erlebnis zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führt. Große Todesangst. Ausgerechnet der eigene Vater erhebt das Messer. Und nur noch wenige Sekunden, dann ist es aus. Hilflos gefesselt, ohne etwas tun zu können.

Mir geht so viel durch den Kopf.

Dorothee Sölle wollte diesen grausamen Text aus der Bibel streichen.
Wer kann nach Auschwitz an einen Gott glauben, der so etwas von Abraham verlangt?
Das kann nicht sein, das darf nicht sein. An einen solchen Gott können wir nicht glauben, so Dorothee Sölle.

Ulrich Bach, dem ich für meinen Glauben viel verdanke, sagte aber, dass Gott vielen Menschen genau so erscheint wie hier bei Abraham: Rätselhaft, unfassbar, grausam. Und sie lassen trotzdem nicht von ihrem Glauben ab. Wie Abraham.

Ulrich Bach dachte an die Eltern schwerst behinderter Kinder. Müssen sie nicht auch glauben: Gott, warum ausgerechnet wir? Warum ausgerechnet unser Kind? Musste das sein? Warum wird es so früh sterben müssen? Was soll das alles?

Oder ich denke an Menschen aus dem Krankenhaus, die ich jetzt kennen lernen durfte, die sich auf ihr Kind freuten. Und dann sagt der Arzt, es gibt keine Herztöne mehr. Und dann muss die Geburt künstlich eingeleitet werden. Oder es gibt eine Ausschabung. Und immer die Frage: Gott, was mutest Du uns da zu?

Oder kennen Sie die Situation, wenn das Kind geimpft werden muss? Und es hat Angst? Und es schreit! Und wir können es nur in den Arm nehmen, aber den Piks können wir ihm nicht ersparen… Oder wenn größere OPs anstehen?
Oder allein, wenn man hilflos da steht und das Kind sich nicht trösten lässt und weint und schreit – und man weiß nicht warum, und es tut einem in der Seele weh.

Oder wenn ich mit einem Kollegen oder einer Kollegin vom Kriseninterventionsdienst hinter der Polizei stehe. Wir klingeln, und ich weiß, gleich wird jemand von der Todes-Nachricht, die der Polizist überbringen muss, zusammen brechen. Gleich wird es einen Menschen heiß und kalt den Rücken herunter laufen, die Beine werden fast nachgeben, und alles wird sich wie in Zeitlupe und wie in Watte anfühlen.

Da könnte man sich vorkommen wie Abraham, der sich auf den Weg machte und nicht wusste, wie er es seinem Sohn sagen sollte. Und hinterher seiner Frau, wo es doch schon überhaupt ein unfassbares Wunder gewesen war, dass sie in diesem hohen Alter überhaupt noch schwanger geworden ist.

Ich bewundere immer wieder den Realismus der Bibel.
Wir glauben an einen gnädigen Gott.
Ich predige gerne von diesem Gott, der uns auch in Notlagen ganz nahe ist und nicht im Stich lässt.

Aber ich weiß: Diese Notlagen können grausam sein. Und dann steht man da und kann alles nur noch hilflos geschehen lassen. Was soll man denn tun?

Da bewundere ich Abraham als ein Vorbild des Glaubens.

Und doch ist das nicht alles.

Es gibt noch mehr zu sagen zu diesem Bibeltext.

Israel damals erscheint uns ja auch gerne als irgendwie musterhaft. Aber das waren sie ganz und gar nicht. Immer wieder ging das Vertrauen in den unsichtbaren einzigen Gott verloren. Die religiöse Praxis bröckelte auch vor 2500 Jahren weiter ab. Man lernte den Glauben anderer Völker kennen. Deren Götterfiguren konnte man immerhin sehen. Denen konnte man viel wertvollere Opfer bringen, wenn es mal hart auf hart kam. Menschenopfer zum Beispiel. Junge Kinder, den Erstgeborenen. Da konnte Gott nicht mehr zürnen. Da musste er einfach für eine gute Ernte sorgen… Dachte man zumindest.

Und so erschien es immer wieder als Gottes Wille, solch einem Opfer zuzustimmen. Vielleicht erschien es den Kindern sogar als eine besondere Ehre. So wie es heute so manchem islamistischen Glaubenskämpfer als eine große Ehre erscheint, sich für den Glauben in die Luft zu sprengen und dabei möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen. Man hat es ihm (und zunehmend auch ihr) eingeredet.

Ich weiß nicht, ob es diese Begebenheit mit Abraham wirklich so gegeben hat. Vielleicht wurde sie auch nur als eine Mustergeschichte erzählt, in der deutlich wurde: Jetzt ist ein für alle Mal Schluss mit diesen Opfergeschichten. Es gibt diese Opfer nicht mehr. Opfere, was Du willst, aber niemals  Deinen eigenen Sohn.

Und wenn Dich irgendein Führer für Volk und Vaterland verheizen will, dann sag nein.

Ist denn die Lehre aus dieser Geschichte, dass wir uns ebenso halsbrecherisch darauf einlassen, dass schon alles gut gehen wird?
Oder ist nicht die Lehre, dass wir schon vorher Nein sagen?!

Vorgestern erst war ich am Sterbebett einer Frau, der es wichtig war, dass in der Nazizeit nicht alles so schlecht war und dass nicht alle zum Schlechten gezwungen waren. Sie hat manche Sachen gerne gemacht. Und war hinterher erschüttert, wie viel Unheil durch die angerichtet worden war, denen sie vertraut hatte.

Wie viele Pfarrer hatten sich umgekehrt mit ihrer Kirche darauf eingelassen, den Führereid zu schwören. Und sie fühlten sich daran gebunden, obwohl sie genau wussten, dass es kein gutes Ende nehmen würde. Und dass sie Teil einer Mordmaschinerie waren, die nur noch Unheil über die Welt brachte.

Wäre es doch besser gewesen, wenn Abraham deutlich Nein gesagt hätte? Fordert uns die Bibel nicht förmlich dazu heraus, eben nicht alles zu glauben?

Und sind wir heute so viel besser als die damals?

Heute wird über selbstfahrende Autos diskutiert. Und über ethische Probleme, wen die nun im Zweifelsfall überfahren dürfen, wenn sich eine Kollision doch nicht mehr vermeiden lässt: Das Kind oder den Greis, den Bettler oder die Professorin…
Warum schreit keiner auf und ruft „Nein!“?
„Programmiert die Autos so, dass sie immer nur so schnell fahren dürfen, wie sie gefahrlos bremsen können!“
Oder haben Sie sich jemals in der Fahrschule darüber Gedanken gemacht, wenn Sie umfahren sollen, wenn sich ein Unfall nicht mehr vermeiden lässt?`

Oder: Darf man halsbrecherisch eine Partei wählen, von der man eigentlich nur Unheil erwarten kann, nur um den anderen eines auszuwischen?

Bei den Trumps und Putins, bei den Erdogans und sonst wem auf der Welt sieht man, dass sich zum Schluss kein Widder in den Zweigen verfängt, den man stattdessen opfern könnte. Da nimmt das Unheil unbarmherzig seinen Lauf.

So lerne ich aus diesem Bibeltext von Abraham und Isaak heute zweierlei:

Einerseits das Gottvertrauen, dass Gott es schon zu einem guten Ende bringen wird, wenn ich mich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinde.

Was muss dieser Mann mitgemacht haben. Wie mag er die Situation von links nach rechts und von rechts nach links überlegt haben… Und er vertraute: Gott wird uns nicht im Stich lassen, egal wie es ausgeht.

Und das andere, was ich lerne, ist:

Es gibt Situationen, da muss man kritisch hinterfragen, ob das wirklich so Gottes Wille ist.
Es gibt Situationen, dass muss man bewusst suchen, wo dieser Widder ist, dieser Ausweg. Und selbst wenn man den Ausweg nicht sieht, dass man stoppt und nicht weiter macht.

In einem konservativ-evangelikalen Nachrichtenmagazin lese ich wieder einmal die Kritik daran, dass Bundeskanzlerin Merkel dieses „Wir schaffen das“ gesagt habe. Ohne eine Obergrenze ginge es nicht.
Wenn das wirklich stimmte: Hätten sich dann nicht viele Flüchtlinge wie Abraham auf einen langen Weg aufgemacht – aber der Widder, der ihnen den Ausweg möglich gemacht hätte, wird ihnen vor der Nase weggeschnappt?
Chaos, Hunger, Kälte, Unmenschlichkeit an der Grenze – und der Tod?

Und wir sagen nicht: „Wir wissen einen Ausweg!? Irgendwie schaffen wir es gemeinsam!“?

Sondern wir sagen: „Es gibt keine Lösung. Nimm Dein Messer und stoß zu!“?

Man kann diese Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaak unendlich grausam finden und verabscheuen und am liebsten aus der Bibel werfen.

Man kann sich aber auch von ihr leiten lassen und selbstkritisch heute fragen, wo wir uns vielleicht ganz genauso verhalten wie Abraham. Wo wir mitlaufen, wo wir schon lange hätten deutlich stoppen und Nein sagen müssen. – Und das voller Vertrauen, dass Gott dennoch bei uns ist.

Ein letztes Wort:

Die Abrahamsgeschichte kann uns helfen, die Passionstage, die noch vor uns liegen, zu verstehen.

Gott selber ist in einer Zwickmühle wie Abraham. Jesus bringt die Botschaft vom freundlichen und den Menschen zugewandten Gott. Von einem Gott, der nicht nur das Wohl der Frommen im Blick hat, sondern das Wohl aller Menschen. Und diese Menschen sollen in einer großen Freiheit voller Liebe leben.

Und gerade die Frommen verstehen das nicht und sind aufgebracht über diesen Mann namens Jesus, der ihrer fundamentalen Glaubensüberzeugungen durcheinander bringt und ihre Zusammenarbeit mit den Römern kritisiert.

An Jesus wird die Menschenfreundlichkeit Gottes deutlich. Aber was ist mit dieser Freundlichkeit, wenn sich Menschen quer stellen? Wenn sie sie nicht akzeptieren wollen? Wenn sie ausgerechnet den als Gotteslästerer hinrichten wollen, der Gottes Liebe wie kein anderer verkörpert? Soll Gott seine Menschenliebe aufgeben und mit Blitz und Donner dazwischen hauen? Oder bleibt er bei seiner Liebe zu den Menschen?

Wie muss Gott sich gefühlt haben, als er in diesem Dilemma steckt und alles auf Karfreitag zulief?

Welch ein Ansporn für uns, dass wir unsere Verantwortung voll Gottvertrauen wahrnehmen, dass nach Möglichkeit niemand in eine solch ausweglose Situation kommt.

Und welch eine Ermutigung, trotzdem am Glauben festzuhalten, auch wenn alles plötzlich sinnlos erscheint.

Möge Gott immer mit seinem Segen bei uns und unseren Lieben sein. Amen.

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